
In den 1990er Jahren schloss ich ein Universitätsstudium der Elektro- und Informationstechnik erfolgreich ab. Ich belegte Dutzende von Kursen und Praktika, tauchte völlig in das universitäre Wissen ein. Was ich aber im Nachhinein nicht nur als bemerkenswert, sondern auch als weitgehend prägend für mich ansehen muss, ist, dass es keinerlei Reflexion über die angewandte naturwissenschaftliche Methode gab. Bereits in der Sekundarschule wurde man in die Grundlagen dieser Methode eingeführt. Aber dass diese Methode auch ihre Grenzen haben kann, wurde in keinem Fach gelehrt, es gab keine Besinnung darauf.
Eine Folge davon war, dass ich während meines Studiums alles, was nicht den Regeln der Naturwissenschaft entsprach, bestenfalls nicht ernst nehmen konnte, manchmal aber auch geradezu lächerlich fand.(1) Damit verbunden war eine Art Kampf mit meinen Kommilitonen darüber, wer der Klügste ist. Ich habe mich eigentlich nie richtig mit meinen Kommilitonen unterhalten, sondern oft mit ihnen gestritten. Und wenn jemand etwas sagte, das nicht wissenschaftlich war, hat man so lange Fragen gestellt, bis man einen Widerspruch in der Aussage des anderen fand. Damit hat man dann wieder seinen eigenen Standpunkt bewiesen. Und wenn die andere Person doch Recht hatte? Dann würdest du nach dem Gespräch immer noch darüber nachdenken, warum du Recht hattest und was du hättest sagen sollen. Sehen Sie hier in aller Kürze das Innenleben eines „Elektro-Nerds“, der in einem einseitigen System aufgewachsen ist, das keine Selbstreflexion zulässt…
Besinnung also.
Die Besinnung kam, nicht durch die Wissenschaft, sondern durch anhaltende Rückschläge im persönlichen Leben. Das warf Fragen auf, auf die mir die Wissenschaft keine sinnvollen Antworten bot. Ich brauchte echte Antworten, Antworten mit Tragweite, Antworten, die das ganze Menschsein ansprachen. Die Suche nach solchen Antworten verlief ganz allmählich und führte mich über Milan Kundera, Hermann Hesse, Carl Gustav Jung u.a. schließlich zur Anthroposophie Rudolf Steiners. Und nachdem ich zuvor über 10 Jahre lang als Forscher in physikalischen Labors gearbeitet hatte, lernte ich dadurch eine andere Art des Forschens kennen, nämlich die Forschungsmethoden der anthroposophischen Wissenschaft. Von da an habe ich beide Forschungsmethoden nebeneinander angewandt und habe seither jahrelange Erfahrungen mit beiden gesammelt. Aber es gibt Unterschiede zwischen den Forschungsmethoden.
Um diese herauszuarbeiten, werfen wir zunächst einen Blick auf den Hauptbegründer der naturwissenschaftlichen Methode, Francis Bacon (1561-1626). In seinem Werk Novum Organum tobt er, so könnte man fast sagen, gegen die Zuschreibung von Wirklichkeitswert an das Denken. Auch heute noch ist die Auffassung des modernen Wissenschaftlers, dass die Welt, wie er sie wahrnimmt, vollständig ist. Das Denken darf nur das in einen Zusammenhang bringen, was die Wahrnehmung als vollständige Wirklichkeit zeigt, vorzugsweise in Form von Formeln, Gleichungen und Ursache-Wirkungs-Beziehungen.
Nun ist dies natürlich nur eine Sichtweise auf die Wirklichkeit, und andere Größen in der Geistesgeschichte der Menschheit haben das Denken ganz anders betrachtet. Denken Sie an große Philosophen wie Platon und Thomas von Aquin, die der Idee oder dem Begriff einen Realitätswert zugeschrieben haben. Und anstatt sich für das eine oder das andere entscheiden zu müssen, war es Rudolf Steiner, der den Wert beider Ansichten für die Wissenschaft aufzeigte. Steiner zeigt in seinen erkenntnistheoretischen Arbeiten über Goethe,(2) wie Goethe als Naturwissenschaftler vorgegangen ist, dass der Begriff durchaus einen Realitätscharakter hat. Aber es gibt einen Unterschied in der Wirksamkeit des Begriffs bei toter und lebendiger Materie.
Bei der toten Materie wirken die Begriffe von außen auf die Gegenstände ein. Das bedeutet ganz konkret, dass die naturwissenschaftliche – an Bacon angelehnte – Methode hier angebracht ist. Die Begriffe (Gesetze) bringen die Erscheinungen der physikalischen Welt miteinander in Einklang. Man denke z.B. an das Newtonsche Gravitationsgesetz, das die Anziehungskraft zwischen zwei Objekten mit den Massen m1 und m2 und dem Abstand r zwischen ihnen bestimmt. Bei der lebendigen Materie wirken die Begriffe jedoch nicht von außen auf die Objekte ein, sondern wirken in den Objekten, die Begriffe formen sozusagen die Objekte. Man kann nun also nicht mehr die Erscheinungen der physikalischen Welt, wie sie in der Wahrnehmung auftreten, benutzen, um zu den Begriffen zu gelangen, sondern man muss nun die in der Wahrnehmung wirkenden Begriffe finden. Ein Beispiel dafür sind die in der Pflanze gewöhnlichem Greiskraut wirkenden Begriffe wie eine erst zunehmende und dann abnehmende Differenzierung der Laubblattform vom unteren Laubblatt zum oberen Laubblatt und die zunehmende Steifigkeit der Laubblattform zu den oberen Laubblättern hin.(3) Die ultimative Aufgabe der Wissenschaft (sowohl für die tote als auch für die lebende Materie) ist es, alle Erscheinungen des Kosmos durch Begriffe in einen Zusammenhang zu bringen.
Noch immer kann man Steiners Ansicht als eine weitere neue Meinung ansehen, die zwar die Ansichten von Bacon und Platon / von Aquino zu einer höheren Synthese formt, aber warum sollte das jetzt wahr sein? Dies scheint mir ein guter Ausgangspunkt für einen unvoreingenommenen Forscher zu sein, denn die Realität der Begriffe ist für den Menschen zunächst einmal nicht erfahrbar. Hier geht es darum, diese Sichtweise für sich selbst auszuprobieren, so dass die Realität der Begriffe zur eigenen Erfahrung wird. Der Weg dorthin führt über Konzentration und Meditation, ein Weg, der in unserer Zeit am deutlichsten von Mieke Mosmuller zum Ausdruck gebracht wurde. In ihrem umfangreichen Werk finden sich zahlreiche Beispiele für den Weg zum Erleben dessen, was ich in diesem Zusammenhang als „lebendige Begriffe“ bezeichnen würde.(4)
Das ist die eine Seite der Sache, und die Realität der Begriffe durch Konzentrations- und Meditationsübungen selbst zu überprüfen, ist der sicherste Weg, sich von Steiners Anschauung zu überzeugen. Auf der anderen Seite kann man aber auch sehen, ob Steiners Sichtweise Licht auf bestimmte Erfahrungen wirft, die mit der naturwissenschaftlichen Methode gewonnen wurden.
Die Naturwissenschaft ist zum ewigen Zweifel verurteilt: Seit Karl Popper gilt die Falsifizierbarkeit,(5) d.h. eine wissenschaftliche Theorie kann niemals bewiesen werden, es kann nur gezeigt werden, dass eine bestimmte Theorie falsch ist. Nun gibt es eine Erfahrungsregel, dass die Gesetze z.B. der Astronomie und der Physik (kaum oder) nicht veränderbar sind, während die Erkenntnisse darüber, welche Art von Nahrung für den Menschen gesund ist, viel stärker angezweifelt werden. Ich hatte einmal eine Diskussion darüber mit einem Wissenschaftlerkollegen, der dieser Tatsache zwar zustimmte, sie aber mit dem Hinweis abtat, dass es um den “neuesten Stand der Wissenschaft” ginge. Durch Steiners Erkenntnisse fällt jedoch ein anderes Licht auf diese Angelegenheit, denn Physik und Astronomie gehören zur Wissenschaft der toten Materie und die Gesundheit der Nahrung für den Menschen gehört zur Wissenschaft der lebendigen Materie. Dass in letzterer die Erkenntnisse viel stärker dem Wandel unterworfen sind, kommt also von der Anwendung einer ungeeigneten Untersuchungsmethode.
Finden wir in der Naturwissenschaft den ewigen Zweifel, so gilt in der Wissenschaft der lebendigen Begriffe im Gegensatz dazu die Gewissheit. Mieke Mosmuller schreibt,(6) dass man sich erst in das Reich der lebendigen Begriffe hinaufarbeiten muss (ein innerer Bewusstseinszustand, der durch genau definierte Konzentrations- und Meditationsübungen zu erreichen ist und der niemals von Natur aus gegeben ist), und dass man bei der Beobachtung eines Gegenstandes in diesem Bewusstseinszustand den zur Beobachtung gehörenden “richtigen” Begriff in der Hingabe erhält. Man braucht also nichts auszudenken, man denkt die Begriffe schauend. Es sollte jedoch erwähnt werden, dass der Prozess des Erkennens kein sich von selbst einstellendes Wunder ist, sondern dass man nur die Begriffe anschauend denken kann, über die man bereits verfügt, so dass das Studium ein wichtiges Element bleibt.
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Die naturwissenschaftliche Methode ist durch zwei bekannte Einseitigkeiten gekennzeichnet. Sie kennt zum Beispiel nur die Analyse und nicht die Synthese. Außerdem drückt sie alles quantitativ (in Zahlen) aus und nimmt keine Rücksicht auf qualitative Aspekte, bzw. drückt diese in Mengen aus. Diese Einseitigkeiten sind natürlich Faktoren, die die Wirksamkeit der Methode einschränken.
Bei der Analyse werden die Objekte in immer kleinere Teile zerlegt. Zusammenhänge können jedoch nicht direkt gefunden werden. Und so rückt auch eine mögliche Synthese in immer weitere Ferne, je mehr die Welt in immer unzusammenhängendere Teile zerlegt wird. Es werden dann Werkzeuge wie die Statistik eingesetzt, aber es gibt auch kluge Geister, die bestimmte Zusammenhänge postulieren. Wie dem auch sei, es gibt keine Gewissheit in der Synthese. Wenn wir die Sichtweise Steiners betrachten, dann haben wir durch die lebendigen Begriffe – die die Gesetze sind, wie die Erscheinungen zusammenhängen – eine direkte und genaue Methode der Synthese zur Verfügung. Damit könnte die Wissenschaft einen großen Sprung machen.
Aufgrund des rein quantitativen Aspekts der Wissenschaft ist ein großer und meiner Erfahrung nach wesentlicher Teil der menschlichen Erfahrung der Wissenschaft nicht zugänglich.
Denken Sie zum Beispiel an die Erfahrungen, die Sie mit Kunstwerken, mit einem Sonnenuntergang, mit einem Gespräch von Herz zu Herz mit Ihrem Mitmenschen machen können. Die Wissenschaft tut dies mit dem Hinweis ab, dass diese Erfahrungen subjektiv sind und daher nicht erforscht werden können. Das ist einerseits eine berechtigte Einschränkung des Einsatzes der naturwissenschaftlichen Methode. Auf der anderen Seite hat es aber auch erhebliche Konsequenzen. Denn da im Hintergrund immer ein Wahrheitsanspruch steht (siehe auch nächster Absatz, GH), ein Anspruch, die gesamte Schöpfung zu verstehen, wird damit jede subjektive menschliche Erfahrung als nicht existent abgetan. Und der gelegentliche Versuch der Wissenschaft, die subjektiven Erfahrungen des Menschen nicht zu ignorieren, sondern in Zahlen auszudrücken, hat als Symptom eine Studie, von der ich einmal in der Zeitung gelesen habe, in der der Wert eines Menschenlebens auf 300.000 Dollar geschätzt und als solcher von dem angewandten mathematischen Modell verwendet wurde. Darüber hinaus ist jedoch anzumerken, dass es qualitative (als Gegenstück zur quantitativen) Forschung über subjektive menschliche Erfahrungen gibt. Und ein klarer Beweis für die objektive Seite solcher Forschungen ist, dass die Farbenlehren von Goethe(7) und Itten(8) in der Praxis von Künstlern angewandt werden, die die Wirkung von Farben und Farbkombinationen auf den Menschen nutzen, um mit ihren Gemälden bewusst bestimmte Effekte zu erzielen.
Nun gibt es trotz der oben genannten Einschränkungen eine Zweideutigkeit im Umgang mit der Wahrheit in der Wissenschaft. Denn während sich die Wissenschaftler einerseits darüber im Klaren sind, dass ihre Theorien nicht bewiesen werden können und die naturwissenschaftliche Methode eine Einseitigkeit aufweist, herrscht andererseits der scheinbar (teilweise) unbewusste Glaube, dass die Theorie entweder doch richtig oder das Beste ist, was man tun kann. Indirekt wird also doch ein Wahrheitsanspruch erhoben. (Und dass dieser Anspruch erhoben wird, kann man sehr gut erleben, wenn man beginnt, einem Wissenschaftler Fragen zu seiner wissenschaftlichen Methode zu stellen. Dann kann der sonst so ruhige und besonnene Wissenschaftler plötzlich mit enormer Vehemenz seine Methode verteidigen). Darüber hinaus wird (de facto) ein Ausschließlichkeitsanspruch erhoben, dass nur die naturwissenschaftliche Methode zur Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse herangezogen werden kann.
Geht man vom Wissenschaftler zu den staatlichen Entscheidungsträgern über, so scheinen letztere die naturwissenschaftliche Methode überhaupt nicht in Frage zu stellen. Mathematische Modelle werden in großem Umfang zur Gestaltung der öffentlichen Politik eingesetzt. Denken Sie an die Corona-Zeit oder an das, was gegenwärtig als globale Erwärmung bezeichnet wird. Vielleicht ist es angebracht, über Letzteres nachzudenken. Die globale Erwärmung hängt von sehr vielen Faktoren ab und wird durch das gesamte Ökosystem der Erde und seine Interaktion mit dem Kosmos bestimmt. Der IPCC – der die Modelle erstellt, die die öffentliche Politik bestimmen – will diese sehr komplexe Erwärmung modellieren, und da, wie wir bereits gesehen haben, die Naturwissenschaft nicht genau bestimmen kann, wie die Faktoren zusammenwirken, schafft sie ein riesiges Netz von „Hypothesen, Annahmen, Beziehungen, Parametrisierungen und Stabilitätsbeschränkungen usw.“.(9) Wenn dann auch noch Vorhersagen für Jahrzehnte in die Zukunft gemacht werden, sollte man wissen, wie wackelig das Ganze ist. Damit sind wir bei der Schlussfolgerung angelangt. Man könnte das Schreiben vielleicht als eine Anklage gegen die naturwissenschaftliche Methode lesen. Das war nicht meine Absicht. Ich habe in dieser Schrift deutlich auf den Wert der naturwissenschaftlichen Methode hingewiesen und darauf, wo sie fruchtbar eingesetzt werden kann. Die Anklage richtet sich gegen die allumfassende Art und Weise, in der die Methode in unserer Zeit eingesetzt wird, ohne die Methode selbst in Frage zu stellen, und darüber hinaus gegen den ungerechtfertigten Wahrheits- und Exklusivitätsanspruch, der bewusst oder unbewusst erhoben wird. Die Lösung der Probleme ist in dieser Schrift ebenfalls angedeutet worden, nämlich dass die Forscher sich ernsthaft bemühen sollten, in das Gebiet der lebendigen Begriffe vorzudringen und so eine wirkliche und angemessene Metamorphose in der Wissenschaft der lebendigen Materie in unserer Zeit herbeizuführen. Und mit diesem Herzensruf möchte ich meine Überlegungen abschließen.
1 Meine persönlichen Erfahrungen spiegeln sich hier wider, weil ich glaube, dass sie für viele Studenten der Naturwissenschaften, die ich getroffen habe, charakteristisch waren.
2 Rudolf Steiner, Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften.
3 J. Bockemühl, Eine neue Sicht der Vererbungserscheinungen, Elemente der Naturwissenschaft 100, S. 48-56, 2014, zeigt die Laubblätter (von unten nach oben) verschiedener gewöhnlicher Greiskräuter.
4 Mieke Mosmuller, Suche das Licht, das im Abendlande aufgeht und Meditation.
5 Wikipedia Dec. 2023, „Falsifizierbarkeit“; der Falsifikationismus wurde von Karl Popper begründet.
6 Mieke Mosmuller, Suche das Licht, das im Abendlande aufgeht, 1994, S. 158 ff.
7 Johann Wolfgang von Goethe, Farbenlehre.
8 Johannes Itten, Kunst der Farbe.
9 Zitiert in Der Europäer, Jahrgang 28, November 2023, S. 9.







