Braucht die biologisch-dynamische Landwirtschaft Rudolf Steiner? – Teil 1

Ja, es ist für mich eine Ehre, heute hier sein zu dürfen und einen Vortrag zu halten. Denn ich fühle mich selbstverständlich als Fremdling hier. Ich komme aus einem anderen Land, aus einer anderen Sprache, bin keine Landwirtin und habe mit der Landwirtschaft kaum eine Berührung gehabt, bis jetzt. Also das macht, dass ich mich doch etwas fremd fühle, aber das wird schon vorübergehen.

Was ich habe, das ist eine Beziehung zur Anthroposophie und zu Rudolf Steiner. Und eine sehr winzig kleine Beziehung zur Landwirtschaft ist dann doch da. Denn meine beiden Elternfamilien waren ursprünglich Bauernfamilien. Die eine Familie im Süden von Holland und die andere in dessen Mitte. Dort lag eine kleine Stadt, und in dieser Stadt, da lag das Elternhaus meines Vaters. Da war ich natürlich öfters. Das war ein Haus mitten in dieser Stadt. Und da war ein sehr kleiner Garten. Am Ende des Gartens lag eine Scheune. Und in dieser Scheune, da gab es drei Türen. Die eine Tür, rechts, führt zu der Scheune des Nachbarn, links lag eine Tür, die führte zu einem kleinen Versteck noch aus Kriegszeiten, und geradeaus gab es auch eine Tür. Wenn man die öffnete, kam man unmittelbar in einen Kuhstall hinein. Dieser Kuhstall lag also mitten in der Stadt. Dann war da noch ein Nachbarhaus, in dem wohnte auch wiederum eine Familie und die hatte überhaupt keinen Garten. Die hatten nur einen Kuhstall im Hinterhaus. Wie das eigentlich nun ganz gewesen ist und miteinander zusammenhing, das weiß ich nicht mehr. Das ist doch ein recht merkwürdiger Eindruck, den man da bekommt als Kind. Und ich wusste selbstverständlich überhaupt nichts von einer ‚Hofindividualität’. Es hat dann doch einen recht merkwürdiger Eindruck hinterlassen, dass da Kühe neben dem Wohnhaus sind und überhaupt keine Wiesen oder so etwas da waren. Das ist an sich meine einzige Erfahrung mit dem Bauernbetrieb.

Salat

Aber ich bin Ärztin, und da habe ich, denke ich, doch eine Beziehung zu Ihnen. Als Ärztin hat man, weil man mit den Menschen zu tun hat, ein ähnliches Problem, wie auch der Landwirt es hat. Denn wir leben im Zeitalter des abstrakten Denkens, des Verstandesdenkens, und das führt dazu, dass wir kein Organ mehr haben, womit wir das Leben eines Wesens oder die reale Seele eines Wesens und schon gar nicht einen Geist wahrnehmen können. Wenn man einen Mitmenschen trifft, der Patient ist, dann hat man natürlich das Wissen, dass dieser Patient lebt. Denn wenn er nicht mehr lebt, dann hört der Sinn des Arztes auf. Man hat also noch immer die Möglichkeit, festzustellen, dass es ein lebendes Wesen ist. Aber durch das Medizinstudium ist eigentlich alles, was Erkenntnis ist, in der Medizin ganz tot.

Ich habe von einer Freundin in Dänemark gehört, dass es da einen Hochschullehrer in Robotologie gibt, also Roboter-Kunde. Und es scheint, als stelle er während der Vorlesungen im Hörsaal Roboter auf. Die sind dann ganz kunstvoll gemacht, aus einem Material, dass dazu dient. Und scheinbar ist es so, dass die Studenten nicht immer sofort sehen, dass es kein Mensch ist. Nur die Kinder, wenn Kinder in die Nähe einer solchen Kreatur gebracht werden, dann haben sie Angst. Aber die Erwachsenen, die spüren das nicht unmittelbar. Und so ist es mir auch einmal passiert, dass ich in einen Laden kam, wo schöne Blumenbouquets standen und auch wunderbare schöne Pflanzen da waren. Und ja, auf einmal bekam ich das Gefühl der Totenstille. Daraufhin habe ich dann die Pflanzen und Blumen berührt. Es stellte sich heraus, dass es künstliche Blumen und Pflanzen waren, so gut nachgemacht, dass man es mit den Augen kaum sehen konnte.

Und so stelle ich mir vor, dass es unter Euch auch welche gibt, die nicht unmittelbar selbst noch erfahren können, dass die Erde und der Kosmos, dass das ein lebendiges, beseeltes, durchgeistigtes Wesen ist. Es wäre für mich interessant, von Ihnen zu hören: Was führt einen heutigen jungen Menschen dazu, sich zur biologisch– dynamischen Landwirtschaft zu bekennen? Ist das, weil man dann eine Alternative zu der gewöhnlichen Landwirtschaft hat? Oder ist es doch ein Interesse an der Anthroposophie? Ist es eine Sehnsucht nach dem Lebendigen in der Natur? Das ist mir natürlich nicht klar, wie das bei Euch ist. Aber ich kann mir vorstellen, dass es viel junge Menschen gibt, die in der Erde und in dem Kosmos eigentlich auch nicht mehr das Leben erleben können, und schon gar nicht den Gedanken und die Empfindung haben können, dass die Erde ein empfindendes Wesen ist und dass da auch etwas Geistiges darin lebt.

Ich kann mir vorstellen, dass es unter Euch Menschen gibt, die sagen: Ja, das muss schon so sein, dass die Erde ein lebendiges Wesen ist und dass es einen Zusammenhang mit dem Kosmos gibt. Aber das ist doch noch etwas anderes, als dass man es auch erlebt. Und ich denke, es ist das Allerwichtigste, dass man zuerst eine Frage dazu empfindet. Dass da eine gewisse Sehnsucht erwacht, weiterzukommen in der Erkenntnis der Erde und des Kosmos. Dass da eine Sehnsucht erwacht, etwas zu entwickeln, womit man wirklich das Lebendige der Welt, der Erde, tatsächlich selbst erleben kann. Und ich denke, wenn diese Art von Frage nicht in Ihnen lebt, dass es dann schwierig wird, während der Arbeit in der Landwirtschaft Zeit für die innere Entwicklung zu finden. Wenn nicht etwas in Euch wach wird, das Frage ist – das sagt: Ja, ich kann das doch nicht ohne weiteres ertragen, dass ich so das Leben bearbeite, mit seelischen Wesen, mit Tieren, umgehe. Und dass ich nichts davon weiß, von diesen Zusammenhängen, die da sind zwischen dem Erdigen, dem Wässrigen, Luftigen, Feurigen, Seelischen, Geistigen.

Ich kann natürlich etwas davon wissen. Ich kann mir allerlei Literatur kaufen und dann einiges darüber wissen. Aber selbst erleben, wäre doch noch etwas ganz anderes. Und das ist dann das Erste, was ich hier anführen möchte: Zeit finden zur spirituellen Entwicklung im vollbesetzten Hofalltag, wird meiner Ansicht nach nur möglich sein, wenn da eine Sehnsucht nach weiterer Entwicklung erwacht. Und nach weiterer Erkenntnis. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, wenn ein Anderer zu Euch sagt: Hör mal, du solltest eigentlich Rudolf Steiner studieren, denn da findest du die Quelle der biologisch- dynamischen Landwirtschaft.

Ihr braucht selbst das Erleben eines Mangels in dem Zusammenleben mit der Landwirtschaft und dem Hof.

Wenn aufgrund dessen eine solche Sehnsucht erwacht, ja dann liegt es natürlich nahe, dass da allerlei Literatur gekauft wird oder geliehen wird oder wie auch immer. Dass sich derjenige, der sich entwickeln will, dass der dann auch zu lesen anfängt und dann vielleicht hofft, da Antworten zu finden, ist nur zu verständlich. Ich denke allerdings, dass es für junge Menschen in dieser Zeit doch sehr schwierig ist, sich dann mit der klassischen Literatur der Anthroposophie unmittelbar anzufreunden. Das hängt damit zusammen, dass die wesenhafte Wirklichkeit der Anthroposophie im Großen und Ganzen nicht wirklich lebendig geworden ist.

Wir müssen uns vorstellen, dass Rudolf Steiner ein Mensch war, der eine Fähigkeit hatte, das Leben, die Seele und den Geist unmittelbar wahrzunehmen. Er hatte diese Fähigkeit schon als Kind, und als er dann zur Schule ging und zu lernen anfing, bekam er allmählich die Sehnsucht, diese innere hellsichtige Fähigkeit zur Erkenntnis in Zusammenhang zu bringen mit dem wissenschaftlichen Erkennen, das er in der Schule lernte. Und das ist es, kann man sagen, was Rudolf Steiner geleistet hat. Dass er von der Wissenschaft aus zum exakten Hellsehen führt. Und anderseits von dem exakten Hellsehen wiederum zur Wissenschaft führt.

Das ist natürlich nicht etwas, was man dann glauben soll. Anthroposophie sollte eigentlich nie geglaubt werden. Ich denke, es ist etwas wirklich Falsches, wenn man meinen würde, Rudolf Steiner habe seine Geisteswissenschaft gebracht, damit es Nachfolger gebe, die das glauben wollen. Es muss etwas Schreckliches für ihn gewesen sein, wenn Menschen das gemeint haben und wenn es heute immer noch Menschen gibt, die meinen, dass die Anthroposophie geglaubt werden soll.

Das ist wirklich nicht Anthroposophie. Denn Rudolf Steiner hat einen Weg gezeigt, und dieser Weg führt jeden Menschen, der es will, zur eigenen Erfahrung des Lebendigen, des Seelischen und des Geistigen. Und wenn man eigene Erfahrungen macht, dann braucht man nicht zu glauben. Und das ist auch so, wenn man Vorträge von Rudolf Steiner liest. Da kann man sagen: Ja, da bekommt man eine ganze Menge von Erkenntnissen. Und man kann sie nicht unmittelbar prüfen. Also, was soll man dann damit? Da kommt doch etwas von Glaube hinzu, wenn man sagt: Ja, das wird wohl schon so sein. Ich werde das also glauben.

Markt_1Das sollten wir also überhaupt nicht wollen. Und ich hoffe, dass ich in den kommenden zwei Tagen davon Beispiele geben kann, einfach durch Übungen. Es ist möglich, auch wenn man überhaupt keine spirituellen Erkenntnisse oder Erfahrungen hat, etwas mit dem Lehrgut von Rudolf Steiner zu tun, wodurch es nicht Glaube zu sein braucht, sondern wodurch es in die eigene Empfindsamkeit und eigene Erfahrung hineinkommen kann.

In der Anthroposophie hat Rudolf Steiner uns gezeigt, dass das Gehirn, welches der Mensch hat, eigentlich das Organ ist, wodurch wir nicht mehr die Fähigkeit haben, dieses Leben, diese Seele, diesen Geist selbst wahrzunehmen. Es ist also unser Gehirn, das eigentlich  über den spirituellen Erfahrungen ‚darüberliegt’. Aber zu gleicher Zeit haben wir in unserem Gehirn auch das Organ, womit wir unterscheiden können. Wenn wir also sagen würden: ‚Nun, dann schalten wir unser Gehirn einfach aus, dann haben wir unsere spirituellen Erfahrungen’, so würde das bedeuten, dass wir diese spirituellen Erfahrungen vielleicht haben würden, dass wir sie aber nicht mehr unterscheiden könnten; wir also nicht mehr wissen könnten, was wir dann tatsächlich an Erfahrungen haben. Und deshalb ist es notwendig, dass, wenn wir selbst zu spirituellen Erfahrungen kommen wollen, wir etwas mit uns machen, wodurch wir nicht mehr mit dem Gehirn denken brauchen und trotzdem die Fähigkeit behalten, doch zu denken. Da kann man ein neues Organ entwickeln, und mit demjenigen Organ kann man diese Dinge selbst erfahren, die Rudolf Steiner in seinem Landwirtschaftlichen Kurs für die Landwirte angeführt hat. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Aber sobald man in der richtigen Weise damit anfängt, diesen Weg zu beschreiten, ändert sich schon etwas.

Es ist also nicht so, dass ich, wenn ich das entwickeln möchte, da einige Stunden pro Tag zum Studium brauche, und vielleicht auch noch eine Stunde pro Tag zur Konzentration und zur Meditation. Das geht einfach mit der vielen und harten Arbeit nicht.

Ich selbst habe eine Arztpraxis geführt, als ich jung war. Außerdem hatte ich einen Mann und drei Kinder, und da war es natürlich auch nicht leicht, Zeit zu finden, doch etwas für die Anthroposophie zu tun. Diesen Übungsweg anzufangen. Aber die Begeisterung war so groß – und diese wies dann den Weg, die Zeit dann doch zu finden. Denn ruhen muss ja jeder Mensch, auch wenn er am Tag hart gearbeitet hat. Es kommt doch immer die Stunde, wo die Arbeit vorbei ist. Und warum würde man dann nicht einen Augenblick finden können, um sich einmal recht stark auf einen Gedanken zu konzentrieren? Wenn es dann Frühling ist, Sommer ist, Herbst wird … und man arbeitet auf dem Land – ist da nicht auch, wenn man will, ab und zu eine Minute da, kurz innezuhalten? Und nicht nur fortwährend durch-durch-durchzuarbeiten? Sondern einmal kurz innezuhalten und dann einen Moment der Besinnung zu haben? Alle Ausreden, weshalb das nicht geht, zeigen immer nur, dass man es eigentlich nicht braucht oder nicht wirklich will. Es mangelt einem diese Begeisterung, etwas mehr zur Entwicklung zu bringen, als schon da ist.

Nun stellt sich natürlich die Frage, dass Rudolf Steiner über die Hofindividualität spricht. Das ist ein sehr komplizierter Begriff. Es sollte nicht nur Bezeichnung bleiben, sondern wir sollten versuchen, uns so in seine Angaben einzuleben, dass wir wirklich da hineingehen können und dann dadurch die Möglichkeit bekommen, auch wirklich zu erleben, was das ist, diese Hofindividualität. Ich kann mir vorstellen, für einen Landwirt wird es ein wenig so, diese Individualität, diese Hofindividualität, sie wird so etwas wie ein Freund, mit dem man zusammen lebt. Dieser hat als Haut so ungefähr die Grenze des Gutes; er hat in seinem Haupt das Wurzelhafte und in seinem Bauch das Stoffwechselartige. Man empfindet dann allmählich das Gut als ein Organisches, als ein Wesen. Und so lange man das nur sagt, wirkt es vielleicht nur abstoßend. Aber wenn man sich darin vertieft, kann man doch allmählich zu der Empfindung kommen, was damit wirklich gemeint wird. […]

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Wer ist Mieke Mosmuller?

Mieke Mosmuller ist Ärztin, Schriftstellerin und Philosophin. Sie schreibt über aktuelle Themen, die ihren philosophisch-spirituellen Entwicklungsweg berühren, den sie 1983 begann,…

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