Vortrag von Mieke Mosmuller in der Steinerschule Turnhout (BE) – Teil 1

Ich finde es sehr schön, einmal so nah bei mir zuhause zu sein, wir reisen sehr viel durch ganz Europa. So nahe wie hier in Turnhout haben wir noch keinen Vortrag gehabt. Tilburg und Breda sind von Baarle Hertog doch noch ein bisschen weiter entfernt als Turnhout.

Die Frage ist: Inwieweit hat eine Rudolf-Steiner-Schule noch Verbindung mit dem Werk von Rudolf Steiner? Ich habe auf einem anderen Gebiet eine sehr interessante Erfahrung gemacht, das war vor zwei Jahren. Damals wurde ich gefragt, in Fulda in Norddeutschland einen Eröffnungsvortrag vor einer Gruppe von Studenten im Demeter-Landbau zu halten. Es kamen da ungefähr 200 junge Menschen zusammen, und ich wurde gebeten, das Thema zu behandeln: Inwieweit braucht der biologisch-dynamische Landbau Steiner?

Mir wurde auch erzählt, dass der größte Teil der Studenten der Überzeugung war, dass dies absolut nicht nötig wäre; dass die biologisch-dynamische Landwirtschaft Steiner überhaupt nicht mehr brauche. Stärker noch: dass sie sich sogar ziemlich stark dagegen widersetzten. Sie können sich also wohl vorstellen, dass man sich dann fragt: Wie soll ich dies gegenüber einem solchen Saal voller Menschen machen, von denen man schon zuvor gehört hat, dass sie dieses Thema eigentlich gar nicht haben wollen? Ich habe dann allmählich eine Art Lösung gefunden, indem ich die Frage zurückgab, eine Gegenfrage in meinen Vortrag einbaute, nämlich diese: Warum wollt ihr eigentlich biologisch-dynamische Landwirtschaft betreiben? Man kann im Leben auf leichtere Weise Geld verdienen, warum also sollte man es sich selbst so schwer machen, wenn man es auch einfach tun könnte? Es muss wohl eine bestimmte Affinität, eine bestimmte Verbundenheit mit der Erscheinung des biologisch dynamischen Landbaus sein, wenn man sich speziell dafür entscheidet. Nicht nur biologisch, sondern wirklich biologisch-dynamisch. Dann weiß man, dass die Grundprinzipien dieser Art der Landwirtschaft und Viehzucht wirklich von Rudolf Steiner stammen. Es kann natürlich durch Forschung im vergangenen Jahrhundert noch sehr viel hinzugefügt worden sein, aber die Grundidee und auch die Möglichkeit, auf dieser weiterzugehen, findet man doch bei Rudolf Steiner.

Etwas Vergleichbares liegt mit den Steiner-Schulen, mit den Waldorfschulen vor. Ich habe mich darauf noch einmal besonnen und mich gefragt: Könnte man auch eine Waldorfschule fortsetzen, während man Rudolf Steiner abweist? Natürlich geht alles, aber wenn man dies innerlich betrachtet, dann kommt man doch zu einem großen Problem. Denn es ist so, dass, zum Beispiel in diesem Fall in Bezug auf das Schulwesen, sehr viele intelligente Menschen da sind, die sehr gut nachdenken können und allerlei Ideen darüber haben, was ein Kind nun eigentlich ist, was es braucht, wie man ein Kind am besten erziehen kann, wie es am besten mit der Gesellschaft in ein Verhältnis gebracht werden kann und so weiter, und so weiter.
Dem verdanken wir unsere stets wechselnden Unterrichts- und Bildungsprogramme. Ich weiß nicht, ob es in Belgien auch so ist, dass sich das Bildungswesen durch staatliche Vorschriften fortwährend ändert? Dabei sind natürlich Menschen tätig, die, mit bestimmten Problemsituationen vor Augen, versuchen, das Bildungswesen zu verbessern. Dies auf der einen Seite; und auf der anderen Seite hat man auch die Menschen, die wirklich versucht haben, die Pädagogik, den Unterricht zu verändern. Ich denke da zum Beispiel an Maria Montessori, die eine Schulbewegung in Gang gesetzt hat (ich weiß auch wieder nicht, wie dies in Belgien verlaufen ist), die in den Niederlanden ziemlichen Anklang gefunden hat.

Was ist dann eigentlich der Unterschied zu Rudolf Steiner? Da liegt unmittelbar der Zugang zu dem Thema von heute Abend. Denn bei Rudolf Steiner finden wir eine Weisheit in Bezug auf das Kind, auf das Schulkind, den Jugendlichen, aber auch den jungen Erwachsenen und schließlich auch den voll erwachsenen Menschen – die nicht so sehr auf intelligenten Ideen beruht, nicht auf einem Nachdenken darüber, was ein Mensch nun eigentlich ist, was ein Kind ist und wie der Unterricht sein müsste; sondern die auf etwas ganz anderem beruht, und das ist: eine wirklich tiefgehende spirituelle Einsicht in das Wesen des Menschen.

Es gibt darüber sehr viel zu lesen, wir haben eine umfangreiche Gesamtausgabe von Rudolf Steiners Werk, und man könnte ein ganzes Jahr mit dem Lesen von Vorträgen füllen. Wenn man jeden Tag eine Vortragsreihe lesen würde, würde man die Bücher der Gesamtausgabe noch immer nicht durch haben. Wir haben also eine enorme Fülle von Literatur zur Verfügung, aber wir müssen natürlich aufpassen, dass wir selbst dann nicht auch wiederum Menschen werden, die finden, dass sie dank Steiners Werk mit einem besseren Nachdenken, mit guten Ideen und mit einem Vermögen, mehr spekulativ zu überlegen, was ein Kind nun eigentlich ist, bereichert wurden.
Wir müssen doch immer eine gewisse Bescheidenheit hinsichtlich des Begründers dieser Pädagogik, Rudolf Steiner selbst, behalten. Man muss sich jedes Mal wieder bewusst sein, dass er ein Mensch gewesen ist – ohne ihn anhimmeln zu wollen –, der in sich selbst so hart gearbeitet hat, ein Vermögen zu hellsichtiger Wahrnehmung und ein wissenschaftliches Denken in das richtige Verhältnis zueinander zu bringen, dass, wenn man sich dessen wirklich bewusst wird und von diesem Bewusstsein aus all diese Vorträge und Bücher liest, etwas in einem aufsteigt, was sagt: Eigentlich kann man das Werk Rudolf Steiners überhaupt nicht so lesen, wie man gewöhnlich Bücher liest.

Das kann sich zum Beispiel in der Tatsache äußern, dass man, wenn man liest, ein Gefühl von Unbehagen hat, ein Gefühl von: Ich kann nicht wirklich sagen, dass ich es mit meinem Begriffsvermögen durchdringe, es bleibt ein Rest, über den man hinwegsehen, über den man hinweglesen kann, bei dem man sich aber auch fragen kann: Was ist das eigentlich? Es ist so ein großer Unterschied zu dem, was ich habe, wenn ich andere Bücher lese. Wenn ich ein gewöhnliches Pädagogikbuch lese, oder ein Psychologiebuch, ein medizinisches Buch, dann kann es sein, dass ich es nicht verstehe, aber dann weiß ich: Ich verstehe es nicht. Wenn ich Steiner lese, dann kann es sein, dass ich sage: Ja, ich verstehe es sehr wohl, und doch bleibt da ein Gefühl von ‚Unbefriedigtheit’, ein Gefühl, ‚dass man etwas unterlässt’, zurück. Dies könnte dann ein Aufruf werden, es nicht beim Lesen von Steiner zu belassen, sondern, einen Übergang zu einer bestimmten Art des Umganges mit seinem Werk zu suchen, wodurch dieses Unbehagen oder diese Unbefriedigtheit, dieses Gefühl, etwas zu unterlassen, umgewandelt wird in ein – ich will nicht sagen, eine Zufriedenheit, das wird es nie ganz –, aber wohl in ein Gefühl von Auf-dem-Weg-sein.

So haben wir seit einer Reihe von Jahren in Driebergen (NL) eine Arbeitsgruppe mit Lehrern, mit denen wir die Menschenkunde studieren. Die Menschenkunde, wie sie Steiner in der Pädagogik gegeben hat. Da hat man ein gewaltiges Arbeitsfeld, um nicht nur zu lesen, sondern vielmehr innerlich tätig zu werden mit dem, was da gegeben wird. Man kommt schon in den ersten zwei Vorträgen dahinter, dass das Wesentliche bei der Waldorfpädagogik eigentlich ist, dass Steiner als Ausgangspunkt den Menschen sieht! Nicht nur sieht, sondern dass er weiß, dass der Mensch ein sich reinkarnierendes Wesen ist.

Ich sehe nicht, wie man auf einer Waldorfschule arbeiten könnte, hinter sich die Waldorfpädagogik, wenn man nicht selbst als Lehrkraft zu dem Erkennen kommen könnte, dass ein Mensch ein Wesen ist, das sich immer wieder auf Erden inkarniert. Denn das ist eigentlich die Grundlage für die Haltung, die man dann gegenü- ber einem Kind hat. Das wird in den ersten Vorträgen, die Rudolf Steiner bei der Vorbereitung auf die Eröffnung der ersten Waldorfschule gegeben hat, unmittelbar deutlich.

SteinerSchuleThurnhout
(Rudolf-Steiner-Schule Turnhout)

Wenn man von einem anthroposophischen Gesichtspunkt aus Menschenkunde studieren will, tun will, dann ist es wichtig, sich damit ausführlich auseinanderzusetzen: Dann lernt man etwas kennen, was zum Beispiel in meinem Fall in diesem Leben zuvor niemals vor Augen gestanden hatte. Man beginnt, sich nicht nur zu realisieren, dass man hier auf Erden ist, sondern dass man schon früher einmal auf Erden gewesen ist und dass man dann auch gestorben ist. Man kennt das Phänomen des Sterbens, auch wenn man es vergessen hat, es muss dennoch etwas sein, was man erlebt hat. Nach diesem Sterben beginnt das Seele-Geist-Wesen die Reise durch die geistige Welt. Zuerst werden alle Eindrücke, alle Folgen, alle Verbundenheit, alles Haften am Erdenleben in den unterschiedlichsten Formen losgelöst und abgelegt. Man lernt, sein Leben dann auch von einem anderen Standpunkt aus zu beurteilen als von jenem Standpunkt, den man auf Erden hatte: von einem höheren, objektiven Standpunkt aus. Man lernt, zu erleben, was man in seinem Leben getan und verrichtet hat. Wenn dies durchgestanden ist, dann beginnt eine höhere Reise durch die geistige Welt, während der im Zusammenklang, Zusammen-Sprechen, Zusammen-Denken und Zusammen-Erinnern mit den höheren geistigen Welten die Anlage für den physischen Leib, ich kann nicht sagen, bedacht wird, aber es ist sehr wohl ein Denk-Leib, ein Leib, der ein Bauplan für den Leib der folgenden Inkarnation ist.

Wir haben mit unserem ziemlich trivialen Denkvermögen, unserem recht abgeflachten Fühlen und dem Willen, der eigentlich überhaupt nicht mehr mit Fühlen und Denken beschäftigt ist, außer im Wollen von Dingen, weil man sie sich wünscht, sehr viel Mühe, uns eine reale Vorstellung davon zu bilden, was ein Mensch dann durch macht. Doch wenn man dies bei Rudolf Steiner in den verschiedenen Vortragsreihen, die darüber erschienen sind, und in der Theosophie aufnimmt, und man versucht, wirklich mit dem Erleben mitzugehen, dann bekommt man doch in jedem Fall eine Ahnung von der unvergleichlichen Glückseligkeit und Erhabenheit, durch die der Mensch in diesen höheren Welten allmählich hin- durchgeht. Wenn er zuerst ein Ton in der Weltenharmonie geworden ist, dann ein Wort des Weltenwortes, dann Gedanke im Weltendenken, und schließlich eine Verbindung mit demjenigen bekommen hat, was die große kosmische Weltenerinnerung ist, dann geht der Mensch auch darüber noch hinaus, insoweit die Kraft dazu im Seele-Geist-Wesen bereits anwesend ist, und erhebt sich gleichsam über die Fixsterne. Er findet da den Impuls, wenn er dazu auserkoren ist, später, wenn er wieder auf Erden ist, sich mit dem Geist verbinden zu können und dann in christlichem Sinne darüber sprechen zu können, denken, schreiben usw. zu können.
Man muss sich bei diesem Höhepunkt, den Rudolf Steiner ‚die Mitternachtsstunde’ nennt, wirklich vorstellen, dass man dann mitten im Verlauf des Weges ist, zuerst empor und dann wieder herunter; danach begibt man sich auf den Weg zurück zur Erde und werden diese Weltenqualitäten wieder allmählich in individuelle Qualitäten umgewandelt, die dann letztendlich auf Erden zu persönlichen Qualitäten werden müssen. Die Weltenerinnerung wird wieder allmählich das Vermögen zu persönlichen Erinnerungen, das Weltendenken wird Vermögen zu menschlichem Denken, das Weltenwort wird umgeformt zu dem Vermögen, zu sprechen, und schließlich geht das musikalische Gemüt mit zur Erde. Und während man sich, wenn man den aufwärtsgehenden Weg durchmacht, vorstellen könnte, dass man da gleichsam ‚außer sich’ gerät, dass man so weit wird, dass man sozusagen von außen auf sich selbst zurückschaut, ist es so, dass, wenn man herniedersteigt, diese Weisheit sich allmählich wieder umformt, in einer Zusammenziehung, die schließlich auch zu einem Verlust dieses großartigen geistigen Bewusstseins führt.
Man muss gleichsam, wie die Griechen es sahen, zuerst, wenn man aufsteigt, den Lethe-Fluss überqueren, um die Erde zu vergessen, aber wenn man aus dem Himmel zur Erde zurückkehrt, muss man auch wiederum den Fluss überqueren, um den Himmel zu vergessen. So findet dieses geläuterte Geist-Seelenwesen, das einen solchen Weg durchgemacht hat, schließlich auch wieder vor, was an Mühsal, Schuld und Gewohnheitsleben zu dieser Persönlichkeit gehört. Dann kommt der Moment, wo das Erdenleben wirklich beginnt.

EinKind

Wenn man dies mit seinem Erleben durchlebt, durchdenkt, und man stellt sich dann vor, dass ein Kind geboren wird, man hat diesen Säugling in seinen Armen, und man sieht ihn in der Wiege liegen, dann lebt doch wirklich etwas ganz anderes in einem, als wenn man dieses Kindlein als eine mehr oder weniger zufällige genetische Konstellation ansieht, als ein zufälliges Zusammengehen von einer Eizelle und einer Samenzelle, wobei eigentlich nur die familiären Vorfahren und die Umgebungsfaktoren eine Rolle spielen. Welch ein anderes Erleben des Kindes ist es, wenn man es so betrachtet, dass es diese ganze Reise durchgemacht hat und mit dieser kosmisch-geistigen, wenn auch vergessenen Erinnerung das Erdenleben antritt – oder wenn man das Kind als ein physisch niedliches Wesen betrachtet, das ganz auf dem materiellen Dasein beruht.

Wenn man dies versucht, meditativ vorzustellen und zu erleben, und man versucht dabei, jedes Mal wiederum die Erlebnisintensität nicht zu verlieren, dann kommt man allmählich in eine Erlebenswelt hinein, bei der man sich vorstellen kann, dass daraus, wenn dies eine Wirklichkeit sein würde, jene Einsichten in das Leben zwischen Geburt und Tod und Geburt, die Prinzipien der Waldorfpädagogik, geschöpft sind. Dass man sich vorstellt, dass man, wenn man mit einem Kind zu tun hat, man es mit einer Individualität zu tun hat, die schon einmal und mehrmals gestorben ist, die diesen ganzen Weg durchgemacht hat, sich zur Erde zurückbewegt hat, und die in einem noch lange nicht abgeschlossenen Prozess das Erdenleben beginnt. Da liegt ein wichtiger Punkt, dass man sich realisiert, dass das Kind, das einem gegenübertritt, nicht fix und fertig der eigenen Fürsorge anvertraut wird, sondern dass es in Wirklichkeit ein Auf-die-Erde-Kommen von etwas ist, was noch eine sehr lange Zeit weitergeht. Als Erzieher hat man nur die Aufgabe, dasjenige, was das Erdenleben dem Kind in den Weg legt und was man als Erzieher aus dem Weg räumen kann, wirklich auch aus dem Weg zu räumen – dass man also eine Einsicht hat, welche Hemmnisse auf dem Weg der Inkarnation liegen, wodurch eine Individualität nicht werden kann, nicht werden könnte, wer sie ist.
Wenn wir von diesem Gesichtspunkt aus auf das schauen, was eigentlich Denken und Wahrnehmen ist, dann bekommt man eine große Tiefe in der Perspektive.

Rudolf Steiner beschreibt, dass dasjenige, was wir als Menschen als Denkvermögen, als Vorstellungsvermögen haben, in Wirklichkeit das vorgeburtliche Leben ist. Was der Mensch da getan hat, was im vorgeburtlichen Leben in der geistigen Welt getan wurde, das kommt in einer unendlich abgeschwächten und auch trivialisierten Form im Vorstellungsleben und im Gedankenleben in uns zu Bewusstsein. Das ist an sich eine der Aufgaben, wenn man die Menschenkunde studiert und sich fragt: Was ist dann eigentlich dieses menschliche Denken?
Man findet diese Anweisungen bei Rudolf Steiner, und es ist eine Aufgabe, in sich selbst zu versuchen, dem nachzugehen: Was ist Vorstellen, was mache ich eigentlich, wenn ich vorstelle? Was sind all diese Gedanken, die in mir aufkommen und die ich miteinander verbinde, die dann irgendwann mehr Struktur bekommen, wenn ich versuche, etwas zu studieren, und mir wirklich Mühe geben muss, wenn ich etwas nicht verstehe oder wenn ich ein sehr großes Stück Erkenntnis erlangen will? Was ist das eigentlich in mir? Steiner sagt dann: Das ist die eigene Aktivität von vor der Geburt, die, indem man sie gleichsam mit einer Antipathie-Bewegung außerhalb seiner selbst versetzt hat, dadurch zu demjenigen geworden ist, was wir Vorstellen nennen. Daraus entspringt diese Unzufriedenheit, dieses Unbehagen, dieses Gefühl, etwas zu unterlassen. Mit dem Wiederholen-Können dieser Erkenntnis dürfte man eigentlich nicht zufrieden sein. Das ist für mich ein sehr wichtiger Punkt, den ich so gern überall erwähnen will: Dass das Werk Rudolf Steiners nicht als Wissen nacherzählt werden dürfte, sondern dass man dieses Unbehagen fühlen müsste, das einem sagt, dass man dem in sich selbst doch auch nachgehen muss.
Das Vorstellen, das Denken, ist in Wirklichkeit die Aktivität des Vorgeburtlichen, jedoch durch unbewusst verlaufende Antipathie gleichsam in einer Bewegung außerhalb seiner selbst versetzt, wobei die Gedanken nur noch Bilder sind und keine Wirklichkeiten mehr. Man muss sich vorstellen, dass das Vorgeburtliche natürlich nicht eine Geistwelt ist, die aus Bildern besteht. Man muss sich vorstellen, dass man in der geistigen Welt wirklich mit geistigen Mitwesen gelebt hat, dass man da miteinander alles verrichtet hat – und dasjenige, was da geschehen ist, was da die Realität war, das kommt als abgeflachtes Bildvorstellen auf die Erde.

Dann kann man natürlich sagen: Rudolf Steiner konnte das gewahr werden, er konnte das sehen; das kann ich doch nicht. Wenn man das sagt, dann kann man es natürlich auch nicht. Wenn man wirklich dieses Unbehagen fühlt, dieses Gefühl von: Ich kann es dabei nun eigentlich nicht belassen, ich müsste wirklich erforschen, was ich nun eigentlich genau mache, wenn ich etwas vorstelle; und ist es vielleicht möglich, dies noch weiterzuführen, wie Steiner sagt?

Wenn die Antipathie noch stärker wird, dann entsteht das ,Erinnern’, und wenn es zu einem Maximum, zu einem Höhepunkt kommt, dann entsteht der ‚Begriff’. Dann möchte man sagen: Lasst uns einmal eine Übung machen und einen Begriff bilden, der auch ein Bild wird, und sehen, was da nun eigentlich geschieht. Das wird leichter, wenn man dem dann die zweite Anweisung von Steiner gegenüberstellt. Wenn man bei ihm liest, dass die Wahrnehmung überhaupt nicht auf etwas Vorgeburtlichem beruht, sondern dem der Wille zugrunde liegt, dann kommt es darauf an, dass man dieses Wort Wille, wie es Steiner benutzt, auch genau versteht. Er meint mit ‚Wille’ nicht, ‚ich will etwas haben’, nicht einen Wunsch, sondern er meint das Aktivsein, das Tun: die Aktivität selbst! Er beschreibt, wie dieser Wille nicht aus dem Vorgeburtlichen kommt, sondern wie dieser als ein Keim im Erdenleben erst geformt wird und wie sich dieser Keim letztendlich nach dem Tod entfalten wird.

Wenn man das zu erleben versucht, dann erfährt man einen mächtigen Gegensatz: Auf der einen Seite eine vollkommen geistige Welt, die im irdischen Vorstellen, im irdischen Erinnern, im irdischen Begreifen nachklingt, die jedoch da nur noch Bild und keine Wirklichkeit mehr ist. Auf der anderen Seite etwas, was im Leben auf Erden als ein Keim entsteht, der im Wachstum ist, aber keine Frucht trägt. Diese Frucht wird erst getragen, wenn der Mensch mit diesem Willen über die Schwelle des Todes gegangen ist. Dann bekommt man auch eine Verbindung zu dem, was Steiner an mehr anatomischer Erkenntnis gibt; und es ist, wenn man wie ich Arzt ist, eine Art Offenbarung, dass man gleichsam eine dynamische Anatomie betreiben kann.

Normalerweise hat man das Fach Anatomie an der Universität. Zuerst beginnt man mit den Knochen, dann fährt man mit den Muskeln fort, dann kommen die Nerven, die Blutbahnen, die Lymphbahnen, die Organe und so weiter. Irgendwann hat man dann eine ordentliche Kenntnis der ‚Geografie’ des menschlichen Leibes, doch es gibt darin keine Dynamik. Alles hat so ungefähr denselben Wert, dieselbe Wirkung auf einen. Man hat nicht das Gefühl, dass das eine etwas anderes ist als das andere. Dies entsteht sehr wohl, wenn man Menschenkunde von Rudolf Steiner studiert. Dann wird allmählich erlebbar, dass dasjenige, was so aus dem vollkommenen Vorgeburtlichen heraus im irdischen Dasein zum Bild wird, dass dies zu seinem Organ, in dem es wirken kann, das Nervensystem hat. Wenn man an den Willen denkt, dann muss man sich dabei das Blut vorstellen, in dem eine fortwährende Tendenz besteht, sich zu vergeistigen, während es dennoch materiell bleibt. Das ist etwas sehr Spannendes beim Blut.

Was wir sehr wohl aus dem gewöhnlichen medizinischen Wissen heraus wissen – und das weiß man auch, wenn man kein Arzt ist – das ist, dass das Blut, sobald es den Leib verlässt, wirklich materiell wird. Es gerinnt und wird eine feste Substanz. Das ist ein ‚über das Ziel hinausgeschossenes’ Verhindern des Vergeistigens, was im Blut fortwährend stattfinden will. Während man auf der einen Seite im Nervensystem ein Gewebe hat – und auch das ist in der gewöhnlichen Wissenschaft so bekannt –, in dem es nur noch wenig Leben gibt, eigentlich kaum, und gar keine Regenerationsmöglichkeit mehr: wenn Nervengewebe einmal beschädigt ist, dann ist es sehr schwer, diese Funktionen wiederzuerlangen – hat man auf der anderen Seite jenes andere Organ im Menschen, das Blut, das Träger des Willens ist und worin man dieses Keimhafte, dieses Willensartige in der Substanz wiederfindet.
Man kann allmählich in die Menschenkunde hineinwachsen, so dass man die totale Passivität, die in diesem Nervensystem lebt, und die enorme Aktivität, die in dem Blut anwesend ist, wirklich zu erfahren beginnt. Dann bekommt man allmählich von Steiner die Erkenntnis, dass, wenn von dem Willen aus mit der Sympathiekraft, die dem Willen nun einmal eigen ist, zur Welt hin gegangen wird, dann, wenn diese Sympathie etwas von Vorstellungscharakter zu bekommen beginnt, das Vermögen zur Phantasie entsteht.

Wenn die Sympathie dann noch weiter zunimmt – das ist in Wirklichkeit das, was wir in den Bildern haben, die wir machen oder die wir haben, wenn wir Sinneswahrnehmungen haben, das ist in Wirklichkeit unsere Wahrnehmungsmöglichkeit, die auf einem sympathisch empfindsamen Willen beruht –, dann wird das letztendlich zu dem Vermögen, das, was man mit den Sinnen wahrnimmt, auch wirklich in eine Gewahrwerdung zu bekommen. Diese hat dann einen Bildcharakter, aber nicht einen solchen Bildcharakter wie im Denken, sondern einen imaginativen Charakter. Wenn man es so ausspricht, dann fühlt man die Notwendigkeit, dem in sich selbst nachzuspüren. In dieser Weise habe ich allmählich die Erfahrung gemacht, dass, wenn man Menschenkunde in anthroposophischem Sinne aufnehmen will, man das ganze Verhältnis in Bezug auf die Wissen, welches man aufnimmt, eigentlich verändern muss.

Wir sind es gewohnt, zuzuhören, was erzählt wird, oder zu lesen, was geschrieben steht, aber das befindet sich dann doch immer außerhalb von einem. Was ich Ihnen jetzt erzähle, was ich spreche, das kommt von außen auf sie zu. So nehmen wir alles Wissen auf, das sind wir auch so gewohnt. Wir sind es nicht gewohnt, mit Wissen viel weiter zu gehen, als dass man es in die Erinnerung bringt und dann vielleicht auch noch zu einem zusammenhängenden Begriffssystem macht; Wissen bleibt eine ziemlich äußerliche Angelegenheit. Das müsste man, wenn man sich Menschenkunde erschließen will, ganz und gar umstülpen. Man müsste sich bewusst werden, dass man alles, was Steiner an menschenkundlicher Erkentnis, an menschenkundlicher Einsicht gebracht hat – dass man dies in Wirklichkeit als Mensch schon bei sich hat. Man braucht das Buch, um auf Ideen zu kommen, denn diese Ideen gewinnen wir nicht selbst. Dafür braucht man diese tiefgehende, hellsichtige wissenschaftliche Einsichtserkenntnis von Steiner, dafür braucht man noch immer das Buch.

Aber man dürfte es nicht beim Lesen und eventuell Auswendiglernen oder sogar Verstehen, was da steht, belassen. Man müsste aus dem Unbehagen, dass man es nicht ganz erfasst, den Impuls schöpfen, sein Erkenntnisvermögen umzustülpen und sich zu realisieren: Das, worüber da gesprochen wird, das ist der Mensch, und ich bin ein Mensch, und ich habe das, was Steiner bespricht, wirklich ganz und gar bei mir, und ich kann auch anhand der Ideen, die Steiner bringt, mehr und mehr dazu kommen, dies in mir selbst auch wirklich wiederzufinden. Dann hat man in der Menschenkunde einen Entwicklungsweg, auf dem man zu einem Beginn einer wirklichen Anthroposophie kommen kann.

Das Vermögen, nicht nur die Außenwelt wahrzunehmen, erwacht allmählich, aber auch dasjenige, was man als Mensch selbst bei sich hat, und das geht viel weiter als das, was wir in der Psychologie machen. In der Psychologie fragt man sich: Was sind eigentlich meine Gedanken, woraus besteht mein Gedankenleben, was habe ich für Gefühle, was sind meine Wünsche, was habe ich für eine Erziehung gehabt, wie ist meine Entwicklung gewesen? Das ist eine Art von Selbsterkenntnis, aber diese Selbsterkenntnis bewegt sich innerhalb des strikt persönlichen Lebens von Heute. Die menschliche Selbsterkenntnis, die man bei Steiner findet und die man in sich selbst realisieren kann, ist eine objektive Menschenkenntnis, bei der man Erkenntnis, Kunde vom Menschenwesen selbst gewinnt, und dieses Menschenwesen kennt man.

Man steht beim Kennenlernen eines Themas immer davor, dass sich das Objekt in einem Abstand von einem selbst befindet. Wenn man Anatomie betreibt und man, wie man es im medizinischen Studium muss, in den Seziersaal gebracht wird, um da an Leichen die Lage der Organe zu untersuchen, dann hat man es natürlich auch mit einem Objekt zu tun. Man kann nicht sagen, dass man es dann mit einem lebendigen menschlichen Leib zu tun hat. In Wirklichkeit lernt man diese Anatomie nur kennen, insofern der Mensch gestorben ist. Wenn man Chirurg wird, hat man natürlich noch eine Möglichkeit und auch die Notwendigkeit, im lebenden Menschenwesen genau zu wissen, wo alles liegt, aber es ist doch noch immer etwas ganz anderes, als dass man das Vermögen erwirbt, auch wirklich in das Menschenwesen, was man selbst ist, erforschend unterzutauchen. Das ist es, was anhand der Menschenkunde Rudolf Steiners erworben werden kann.

Zum zweiten Teil des Vortrags: Hier klicken!

Wer ist Mieke Mosmuller?

Mieke Mosmuller ist Ärztin, Schriftstellerin und Philosophin. Sie schreibt über aktuelle Themen, die ihren philosophisch-spirituellen Entwicklungsweg berühren, den sie 1983 begann,…

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