Abschied von der Anthroposophischen Gesellschaft

Oft werde ich gefragt, warum wir kein Mitglied der Anthroposophische Gesellschaft sind. Anfang 2016 wurde mir die Frage von dem Redakteur der Schweizer Zeitschrift ‚Ein Nachrichtenblatt‘ gestellt, ob ich je etwas darüber geschrieben hätte, oder vielleicht jetzt etwas schreiben könnte? Er würde den Artikel veröffentlichen. Ich habe einen Versuch gewagt, den ganzen Prozess zu beschreiben, habe den Artikel eine Zeit lang liegen gelassen – und wollte ihn dann doch nicht veröffentlichen. Unter Freunden muss es aber möglich sein …

Als ich das Werk Rudolf Steiners kennenlernte, war das für mich Liebe bei der ersten Begegnung. Ich brauchte keine zwei Seiten – ich las als erstes Buch die Theosophie–, um zu erleben, dass dies die Begegnung meines Lebens war. Worauf diese feurige Liebe, die da auf noch nicht einmal zwei Buchseiten aufflammte, beruht, habe ich ausführlich in meinem Buch Der lebendige Rudolf Steiner beschrieben.

Das, was diese Individualität der Menschheit gebracht hat und noch bringen wird, war die Quelle des feurigen Enthusiasmus und der Liebe zu dem Werk Rudolf Steiners. Anfangs war es, als ob sich ein Tor zu einer anderen Welt öffnete, aber im Lauf der Jahre fühlte ich die Hand, die gereicht wird, um selbst in diese andere Welt einzutreten. Das intensive Studium der Anthroposophie, aber vor allem das Erleben dessen führte dazu, dass ich die Individualität Steiners immer besser kennenlernte, aber auch die Erscheinung dieser Individualität auf Erden in der Person Steiners. Das gilt zweifellos für alle Anthroposophen, die mit Herz und Seele die Anthroposophie erkennen. Das Immer-besser-Kennenlernen der Persönlichkeit Rudolf Steiners anhand seines Werkes – die Anthroposophie –, aber natürlich auch anhand aller Beschreibungen von Zeitgenossen, auch kritischen Beschreibungen, führte dazu, dass ich eine Persönlichkeit kennenlernte, die durch ihr tiefgehendes Schauen in die geistige Welt gezeigt hat, dass er selbst alle Regeln, die existieren, wenn man zur Erleuchtung und Einweihung und schließlich zum Durchschauen der verschiedenen Inkarnationen kommen will, sowohl im Sinne der Entwicklung des Erkenntnisvermögens als auch in der Entwicklung des Erlebens der Seele und der Entwicklung der Moralität, erfüllt hat.

Daneben gibt es die ‚Gesamtausgabe‘ mit den geschriebenen Büchern und den gesprochenen Vorträgen, wobei es verblüffend ist, zu bemerken, dass selbst die zeitlich weit auseinanderliegenden Aussagen über dasselbe Thema immer in Harmonie miteinander stehen – auch wenn ein scheinbarer Widerspruch bestehen kann. Dieser Widerspruch erweist sich immer als nur scheinbar, als vorübergehend. Bei einem tieferen Nachdenken und einem Sich Vertiefen in das Thema findet man einen eindrucksvollen Zusammenhang. Man muss natürlich in Begriffen denken können, in größeren Zusammenhängen, und nicht bei jedem Detail, das einen enttäuscht, entmutigt werden. Aber gerade dieser große Zusammenhang beweist, dass hier ein Mensch aus einer Quelle geschrieben und gesprochen hat, in der das Ganze seines geistigen Werkes als eine Totalität beschlossen lag. Die verschiedenen Werke sind die verschiedenen Strahlen, die aus dieser besonderen Quelle differenziert nach außen getreten sind. Es ist kein oberflächliches Werk, das er gebracht hat, auch keine Ansammlung minutiöser Details, die er in einer scharfsinnigen Konstruktion so zusammengestellt hat, dass die Illusion einer umfassenden Geisteswissenschaft entstünde. Eine solche Meinung kann nur jemand haben, der mit den Gedanken, die er bildet, selbst völlig an der Oberfläche bleibt und der es mit der Wahrhaftigkeit nicht allzu genau nimmt.

MiekeMosmuller_jungMieke Mosmuller in der Zeit des Abschieds

Anhand des Werkes von Rudolf Steiner entdeckt man im Lauf der Jahre eine Geisteswissenschaft, die unbeschreiblich detailliert ist, die aber, was diese Details betrifft, dennoch aus einer Einheit des Schauens hervorgeht. Als ich so allmählich zugleich zu einem differenzierten Erleben des Wesens und der Persönlichkeit Rudolf Steiners kam, gingen für mich daraus zwei deutliche Einsichten hervor. Die erste Einsicht ist: Steiner ist zwar ein, um es in alten Worten zu sagen, spiritueller Meister, aber ein Meister des Abendlandes, Europas. Aber andererseits dürfen wir ihn nicht wie einen Gott verherrlichen.

2005 hielt S.O.Prokofieff einen Vortrag im Gebäude der IONA Stichting in Zeist. Ich war dabei nicht anwesend, aber ich habe den veröffentlichten Text gelesen[1] und bin über die Tatsache geschockt, dass die Anthroposophen darin aufgerufen werden, die Individualität Rudolf Steiners zu verehren, als wäre er ihr höheres Ich. Das muss für Rudolf Steiner etwas Unerträgliches sein – für den Mann, der sagte: Ich will nicht verehrt werden, ich will verstanden werden!

Das ist die zweite sichere Einsicht, die ich erworben habe: dass Rudolf Steiner seine Geisteswissenschaft an Menschen überträgt, die diese nur aufgrund des in ihnen selbst lebenden Vermögens zum Erkennen ihrer Wahrheit, Gültigkeit und Konsistenz annehmen sollen. Alles andere muss Steiner abweisen, denn es würde das von ihm so klar beschriebene Prinzip der Freiheit beschämen.

Mit diesen zwei Einsichten hängt eine dritte zusammen: Will ein menschliches Wesen so weit in seinem Erkenntnisvermögen entwickelt sein, wie wir das bei Rudolf Steiner gefunden haben, durch schauen konnten, dann brauchen wir ihn nicht wie einen Heiligen zu verehren, sondern dann wissen wir sehr gut aus eigener Einsicht, dass dieser Mensch, um so weit zu kommen, sich selbst in seinen Meinungen, seiner Subjektivität und seiner Eigensinnigkeit völlig hat überwinden müssen.

Für mich gab und gibt es daher noch immer zwei Säulen, wodurch die Anthroposophie für mich Gold wert ist. Die erste ist die Konsistenz des Inhaltes, wodurch das von mir erlebte Wahrheitsgefühl vom allerersten Moment an und dann im Lauf der Jahre nur immer wieder bestätigt wurde. Die zweite Säule ist der moralische Untergrund, auf dem diese Wissenschaft ruht. Das ist etwas, was in der Naturwissenschaft überhaupt nicht nötig ist. Naturwissenschaft betreibt man mit einer möglichst glänzenden Intelligenz, und die Moralität spielt hierbei keine Rolle. Die Geisteswissenschaft aber kann nur auf der Grundlage einer entwickelten freien Moralität erworben werden. Das ist in Die Philosophie der Freiheit philosophisch dargestellt, im Buch Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? aber wird dies sehr konkret, indem minutiös beschrieben wird, wodurch die hellsichtigen Gaben zur Entwicklung kommen. Es ist die Ausbildung einer feinen, sich weit verzweigenden Moralität.

So erwarteten wir, mein Mann und ich – ich war noch jung, 33 Jahre alt –, bei unserem Eintreten in die Anthroposophische Gesellschaft, in einen Kreis von Menschen hineinzukommen, in dem das Bewusstsein dieser zwei Säulen der Anthroposophie entwickelt wäre. Dass nicht alle Menschen Geisteswissenschaftler sein konnten, dass nicht alle Menschen einen hohen moralischen Entwicklungsstand haben konnten, ist natürlich deutlich. Aber ich erwartete in jedem Fall das Streben danach, ich erwartete, einer Vereinigung von Menschen beizutreten, die als eine spirituelle Bruderschaft das Wahrhaftigste, das Schönste und das Beste gemeinsam suchen und teilen wollten. Stattdessen wurde bei unserem Eintritt unangekündigt eine Art ‚Hazing‘ vollzogen – dafür war ich wiederum bereits zu alt. In einer Studentenvereinigung weiß man wenigstens, dass man dies zu erwarten hat.

Es wurde uns deutlich gemacht, dass man nicht auf uns gewartet hatte, dass wir nicht erwünscht waren, dass wir überhaupt nicht hineinpassten, dass wir einen langen Weg vor uns hätten, um uns an den Verhaltenskodex, den Kleidungskodex und was weiß ich noch für Kodizes anzupassen hätten, wie sie von den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft gepflegt würden.[2] Ein Streben nach dem Wahren, Schönen und Guten schien in eine Illusion umgeformt worden zu sein, einen Schein bereits erreichter Heiligkeit oder einen Schein von Bescheidenheit auf diesem Gebiet.

Aber es war deutlich, dass wir dieselben Worte benutzten, dieselben Sätze lasen und von demselben Werk und demselben Autor doch in gewissem Sinn begeistert waren. So fanden wir innerhalb der Gesellschaft doch eine Reihe von Menschen, mit denen wir gut auskamen, mit denen wir zusammenarbeiten konnten. Aber im Übrigen schien der Unterschied nur noch zu wachsen: Ich erlebte eine völlig andere Perzeption der Anthroposophie, als ich sie selbst hatte, und ich habe mir jahrelang immer wieder die Frage gestellt: Wer hat auf all dies nun eigentlich den richtigen Blick? Die ‚andere‘ Anthroposophie war so etwas wie eine bei fast Allen zur Gewohnheit gewordene Lebenshaltung – die ich nicht annehmen wollte. Darüber hinaus schien Steiner zu einem Portrait im Bücherschrank geworden zu sein: zum Glück ist er nicht bei lebendigem Leibe anwesend, denn dann müssten wir ihm zuhören… Es geht hier nicht um den individuellen Menschen, mit dem ich meistens gut auskommen kann, egal ob Anthroposoph oder nicht. Es geht um das ‚Kollektivwesen‘, an dem die Anderen teilnehmen wollten und wir nicht.

In dem Maße, in dem ich mehr Wissen über das Leben Rudolf Steiners erwarb, über sein Wirken in der Anthroposophischen Gesellschaft, den Brand des Goetheanums, das schwere Jahr 1923, die Gründung einer neuen Anthroposophischen Gesellschaft, das Übernehmen ihres Vorsitzes, die neun Monate intensiver Wirksamkeit, die Schwierigkeiten zwischen Marie Steiner und Ita Wegman, die anderen Schwierigkeiten zwischen anderen Menschen, den Tod Rudolf Steiners und das menschliche Chaos danach – wurde es mir schmerzlich deutlich, dass es unmöglich sein musste, dass Rudolf Steiner noch dasselbe Verhältnis in Bezug auf die Anthroposophische Gesellschaft haben sollte, wie es bestand, als er den Vorsitz übernahm und noch lebte. Er war schließlich für die anthroposophische Bewegung der esoterische Zug, der durch die Gesellschaft geht. Nun kann man sich zwar vorstellen, dass dieser Zug nach Steiners Tod dennoch weiter durch die Gesellschaft hätte gehen können, wenn diese Vereinigung gleichsam eine Gralsgemeinschaft von Menschen gewesen wäre, die miteinander eine Schale geformt hätten, in die der esoterische Zug hätte eintreten können. Das muss unmittelbar nach Steiners Tod die Hoffnung von Ita Wegman gewesen sein – während Marie Steiner mehr die ebenfalls berechtigten Empfindungen hatte, dass es nun vorbei wäre und dass bescheiden und hart innerlich gearbeitet werden müsste.

Es gibt okkulte Gesetzmäßigkeiten, so wie es auch natürliche Gesetzmäßigkeiten gibt. Es steht dem Menschen frei, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen und zu phantasieren, dass diese okkulten Gesetze auch gebrochen werden könnten und dass dann dennoch alles gleich bliebe. Es steht Menschen aber andererseits auch frei, tief von dem Bewusstsein durchdrungen zu sein, dass diese okkulten Gesetze wirklich existieren und dass gegen sie nicht gesündigt werden kann, ohne dass dies weitreichende Folgen hat. Was mich betrifft, war es deutlich, dass – als ich in die Gesellschaft kam – der esoterische Zug nicht da war, dass es eine exoterische Vereinigung war und ist. Das bedeutet natürlich nicht, dass Rudolf Steiner sich von den Anthroposophen abgewendet hat; auch nicht, dass er sich von der Gesellschaft als einer Gesellschaft von Menschen, die begeistert von seinem Werk und seiner Individualität als Träger dieses Werkes sind, abgewendet hätte. Aber dass die Verbindung unverbrüchlich esoterisch erhalten bleiben könnte, wenn solche Dinge geschehen, die mit Unwahrheit und Lügen auf allen Seiten zusammenhängen, wie sie sich nach Rudolf Steiners Tod vollzogen haben und schließlich zum Beispiel zum Ausschluss von zwei Vorstandsmitgliedern geführt haben, die von Rudolf Steiner selbst ausgewählt worden waren, zusammen mit einer großen Zahl zu ihnen gehörender Mitglieder – das ist spirituelle Phantasie.

Obwohl also die Gesellschaft von Anthroposophen nicht das war, was ich erwartete, aber theoretisch ein Gefühl von Brüderlichkeit, von Geschwisterlichkeit bestand, weil wir uns mit demselben Thema beschäftigten, blieben mein Mann und ich vierzehn Jahre lang Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Ich habe diese Mitgliedschaft nie als eine Verpflichtung gegenüber Rudolf Steiner erlebt. Ich erlebte ihn schließlich nicht als esoterisch mit der Gesellschaft verbunden, es war für mich in diesem Sinne eine ‚gewöhnliche‘ Gesellschaft, nur mit einem besonderen Ausgangspunkt. Dennoch erwartete ich von dem Vorstand, dass die Vorstandsmitglieder ein Gefühl esoterischer Verantwortlichkeit hätten und dass sie die okkulten Gesetzen kennen und respektieren würden, weil man erwarten durfte, dass wenigstens der Vorstand um diese wusste. Es war nur unsere feurige Liebe zur Anthroposophie – auch wenn es eine ‚andere‘ zu sein schien – und zu ihrem Begründer, die dazu führte, dass wir Mitglied blieben.

Etwa Mitte der neunziger Jahre kam es in den Niederlanden zu einem Medientumult, entstanden durch eine Mutter, die sich gegen einen als rassistisch erlebten Unterricht in einer Waldorfschule gewandt hatte und damit schließlich zur Zeitung gegangen war. Die Zeitung griff dies gerne auf. Der Artikel rief große Empörung hervor, die sich gegen Rudolf Steiner wandte, weil von ihm diese rassistischen Ansichten kommen sollten. Wenn man diese Artikel liest, kann man sich vorstellen, dass die betreffende Mutter dies aus Ratlosigkeit ins Rollen gebracht hat. Sie bekam es von allen Seiten mit dem pseudo-anthroposophischen Wesen, mit seinen festen Antworten zu tun, wodurch sie sich missachtet und misshandelt fühlte. Es ist wie bei einem Arzt, der von einem Patienten angeklagt wird. Das geschieht meist, wenn es bei einem medizinischen Fehler kein Gespräch mit dem Patienten gibt, in dem der Arzt sein Verständnis zeigt. Hier war der betreffende Waldorflehrer derjenige, der den Fehler machte.

Ich verstehe natürlich sehr gut, dass es für den Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden ein großes Problem war. Aber ein okkultes Gesetz ist, dass der Schüler der Geistesschulung dem Lehrer völlig vertraut. Nicht ein blindes Vertrauen darf dies sein, es muss ein Vertrauen sein, das auf Einsicht beruht. Von Vorstandsmitgliedern durfte das erwartet werden. Wer an der ‚moralischen Schönheit‘ des Lehrers zweifelt – auch wenn dies auf mangelnder Einsicht beruht – kann nicht sein Schüler sein. Aber der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden musste mit der Unruhe, die dieser Tumult in den Niederlanden verursachte, etwas tun und man leitete eine Untersuchung der Gesamtausgabe ein, bei der nach Zitaten mit Aussagen Rudolf Steiners gesucht wurde, die nach modernen Maßstäben als rassistisch beurteilt werden müssten[3]. Schließlich wurde ein allgemeiner Bericht in den Medien gesetzt, dass sich der Vorstand von solchen Aussagen Steiners distanziere.

Diese Untersuchung ging für mich schon einen Schritt zu weit. Wenn man jedoch schon eine solche Untersuchung machen wollte, müsste man nicht nur die rassistischen Aussagen sammeln, sondern auch alle Aussagen, die antirassistisch sind, man müsste ein ausgewogenes Urteil bilden können, nicht ein quantitatives Resultat: sound-so-viel Aussagen sind nach modernen Maßstäben nicht in Ordnung.

Das Einzige, worauf das Vertrauen in diesen geistigen Lehrer beruhen kann, ist der Zusammenhang der ausgesprochenen Gedanken, nicht der isolierte Gedanke. Wenn man die Gedanken aus ihrem Zusammenhang reißt – ob sie nun rassistisch oder antirassistisch klingen –, hat man der Wahrheit schon Gewalt angetan, und damit wird dann zugleich dem, der gesprochen oder geschrieben hat, Gewalt angetan. Dies wurde auch der Mutter vorgehalten, die über die Aussagen Steiners so beunruhigt gewesen war. Doch das hat natürlich keinen Sinn, ist auch nicht ehrlich gegenüber dieser Frau, denn sie kann das nicht so einfach verifizieren. Es gilt jedoch sehr wohl für die Vorstandsmitglieder, sie müssen sehr wohl einen solchen Standpunkt einnehmen können, der über Sympathie und Antipathie erhaben ist.

Wer wie ich praktisch die ganze Gesamtausgabe gelesen hat, weiß aus dem Zusammenhang der Gedanken, dass diese Aussagen, die aus ihrem Zusammenhang genommen wurden und dann rassistisch klingen, dies in keinster Weise sind, auch wenn sie noch so furchtbar klingen. Man kann daran sehr leicht verzweifeln, denn man hat es mit einem Geisteswissenschaftler zu tun, der durch den Umfang seine geistigen Kenntnis bereits gezeigt hat, dass er kein Rassist sein kann, denn Rassismus ist nicht moralisch, und ein Mensch mit einer derart weitreichenden Einsicht in die geistige Welt ist moralisch, denn die Einsicht beruht darauf, ist eins damit. Weiterhin hat man es mit einem sehr umfangreichen Werk zu tun, das teilweise auch aus Vorträgen besteht, die ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren, sondern für Eingeweihte, für Menschen, die verstanden, worum es sich handelte. Man hat es mit einem umfangreichen Werk zu tun, das sich selbst trägt, als ein Wahrheitsorganismus. Selbst wenn man in diesem Werk einen ganzen Vortrag liest, der einen rassistischen Eindruck machen könnte, weiß man als Leser, der dies wirklich beurteilen kann, unmittelbar, wo man den Gleichgewicht bringenden Gegengedanken finden kann. Nochmals: das kann man nicht als Argument in einer Diskussion verwenden, dann wirkt es wie Verachtung gegenüber den dummen Menschen, die nichts von Anthroposophie wissen. Aber auch das Denken der Vorstandsmitglieder ist offenbar nicht nuanciert genug gewesen, um in die feinen Verzweigungen des Denkens eines Menschen wie Rudolf Steiner vordringen zu können. Der pragmatische Ansatz wäre sonst unmöglich gewesen.

Statt sich kräftig, taktvoll, verstehend zu wehren, den Spuren Rudolf Steiners folgend, wurde aus politischen Überlegungen beschlossen, schließlich zuzugeben, dass sich im Werk Rudolf Steiners tatsächlich bestimmte Aussagen finden, die nach den Maßstäben der modernen Zeit als rassistisch angesehen werden würden. Es wurde eine Zahl genannt, und es wurde ein Bericht in die Medien gesetzt, dass sich der Vorstand von diesen Aussagen distanziere. Viele Menschen atmeten erleichtert auf: Ha, dieser Rudolf Steiner war also nicht perfekt! Oder: Ha, dieser Steiner war also ein Rassist! Ha, endlich brauchen wir ihn nicht so ernst zu nehmen.

Dass dieses Vorgehen von Dornach unterstützt wurde, hat sich gezeigt: Paul MacKay, der damals Vorsitzender der Niederländischen Landesgesellschaft war, ist seit 1996 Vorstandsmitglied am Goetheanum; Christof Wiechert, der damalige Vizevorsitzende, wurde Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum.

Damit ist aber das Band zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft und Rudolf Steiner natürlich definitiv zerbrochen, aufgrund eines okkulten Gesetzes. Darüber ist nicht zu diskutieren. Es spielt keine Rolle, ob man diese oder jene Meinung hat. Man konnte gleichsam sehen, wie Rudolf Steiner sich umdrehte und sich abwandte – natürlich noch immer nicht von den Anthroposophen als Personen, aber sehr wohl von dieser organisierten Institution, die Anthroposophische Gesellschaft heißt und deren Vertreter öffentlich erklärt haben, dass diskutabele bzw. fragwürdige Aussagen im Werk Rudolf Steiners zu finden sind und dass sie sich davon distanzieren. Dieser Prozess begann 1995 und war dann 1998 für mich und meinen Mann unmittelbar Anlass, der Gesellschaft, ich möchte sagen zusammen mit Rudolf Steiner definitiv den Rücken zu kehren. Ich weiß, dass ich damit als Fundamentalist betrachtet werde. Doch für mich ist das Unsinn. Ich folge nichts und niemandem, ohne selbst zu einer Einsicht gekommen zu sein, wie ich es oben dargestellt habe. Ein Fundamentalist folgt Dogmen, ohne sie zu prüfen, und will sie forciert durchsetzen. Wir haben beide einen Brief an den Vorstand geschickt, in dem unsere Gründe standen, die Mitgliedschaft zu beenden. Das war 1998. Im März 2008 berichtete mir ein Freund, dass die Rassismusfrage auch in Deutschland wieder aufgegriffen wurde, und ich hatte damals Gelegenheit, mich zwei Wochen lang von meinen Pflichten zurückzuziehen und das Buch ‚Der lebendige Rudolf Steiner‘ zu schreiben – das inzwischen auch ins Englische übersetzt worden ist. Darin habe ich das, was ich jetzt in Kürze dargestellt habe, so ausführlich wie möglich in Worte gefasst. In den dazwischen liegenden zehn Jahren (1998 – 2008) habe ich nicht darüber geschrieben. Ich werde niemanden dazu bringen, dasselbe zu tun und die Mitgliedschaft zu kündigen. Das muss jeder selbst wissen. Und ich verurteile die Menschen nicht, die Mitglied bleiben. Aber ich kann es nicht – ich will es nicht. Die Begegnung mit Rudolf Steiner ist die wichtigste in meinem Leben. Die Begegnung mit der Gesellschaft die schwierigste.

2010 haben wir ein Gespräch mit einer Reihe von Mitgliedern des ‚Vorstandes am Goetheanum‘ geführt, bei dem noch einige andere prominente Anthroposophen anwesend waren. Es war Prokofieff anwesend, Christoph Wiechert als Leiter der Pädagogischen Sektion, und auch Paul Mackay. In dem Gespräch ging es nicht über die Rassismusfrage, es ging um mein Buch ‚Eine Klasse voller Engel‘, und ich sollte in Worte fassen, was meinem Erleben nach der Gesellschaft fehlt, als Lebenselement. Es gelang mir nicht, es da auszusprechen, obwohl ich viel gesagt habe. Schließlich kam von Prokofieff die Frage, ob wir, mein Mann und ich, nicht doch wieder die Mitgliedschaft in der Gesellschaft erwägen wollten. Wir haben das abgewiesen, wodurch ein Gespräch über die Motive in Gang kam. Ich erinnere mich, dass Heinz Zimmerman verstehen konnte, dass wir nicht zurückkommen konnten, weil sich an den Gesichtspunkten des Vorstandes nichts geändert hatte.

Das öffentliche Zugeben, dass die Anthroposophie auf dem Gebiet des Rassismus nicht ganz davonkomme, hat ein Tor für eine immer weitreichendere Verleumdung Rudolf Steiners geöffnet. So lernten wir die irreführende, verleumdende Darstellungsart von Helmut Zander kennen. Und seit einigen Jahren kennen wir auch die pseudowissenschaftlichen Filettiermethoden von Christian Clement, wo hinter einer wissenschaftlichen Maske versucht wird, die Gediegenheit und Originalität der Anthroposophie und ihres Begründers herabzusetzen. Hier kann man bei Hegel Trost finden: ‚Das leichteste ist, was Gehalt und Gediegenheit hat, zu beurteilen, schwerer, es zu fassen, das schwerste, was beides vereinigt, seine Darstellung hervorzubringen.‘ Es ist leicht für Menschen mit mittelmäßigem Talent, ein Genie und sein Werk zu beurteilen.

Warum sind die vermeintlich rassistischen Aussagen Rudolf Steiners nicht rassistisch?

Nun will ich versuchen, in Worte zu fassen, warum auch inhaltlich gesehen Rudolf Steiner nicht Rassist genannt werden kann, trotz aller aufreizenden Zitate auf diesem Gebiet, deren Existenz ich nicht leugne. Es ist ein gewagtes Unternehmen, weil die Gemüter darüber erhitzt sind und von einem vernunftvollen Denken dann bekanntlich kaum noch die Rede sein kann. Das Vorurteil wirkt wie ein Streichholz, eine Lunte im Pulverfass. Aber ich habe an verschiedenen Orten ausgesprochen, dass ich der Meinung bin, dass mit einem vernünftigen Denken glaubhaft gemacht werden könnte, dass bei Rudolf Steiner keine Rede von Rassismus sein kann. Diese Überzeugungskraft würde dann auch für Menschen bestehen, die keine Liebe zu Rudolf Steiner haben, oder mehr noch, die wirklich eine Abneigung gegen ihn haben.

Dass es, über die Erde verbreitet, verschiedene Rassen gibt, die Erkenntnis dessen, kann nicht Rassismus genannt werden. Ich erinnere mich meiner Grundschulzeit – nicht an einer Waldorfschule – wie wir im Erdkundeunterricht lernen mussten, dass es fünf Rassen gibt, und diese wurden einfach mit einer Farbe benannt: gelb, braun, schwarz, weiß und rot. In den Erdkundebüchern wurden die verschiedenen Rassen auch noch kurz beschrieben, es wurden bestimmte deutliche Merkmale gegeben, zum Beispiel die Form der Augen. Diese Art von Unterscheidungen kann jeder Mensch, der mit seinen Augen sehen kann, wahrnehmen, und das Beschreiben dessen ist wirklich noch kein Rassismus. Man kann auch nicht sagen, dass diese Unterschiede nicht da wären. In diesem Sinne hat Rudolf Steiner, mehr von einem geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus, oft sehr deutlich diese Unterschiede beschrieben. Das ist jedoch etwas sehr Anderes als das Verleihen eines Wertes in Bezug auf die Menschen, die in den verschiedenen Rassen leben, wobei man eine Rangordnung aufstellt und dann auf Menschen in anderen Rassen als der eigenen herabblicken kann. Das ist Rassismus, und das wird natürlich noch schlimmer, wenn diese Werturteile zu einer Gewohnheit werden und im Umgang des einen Menschen mit dem anderen wirksam werden, als ein Volksstolz, ein Nationalismus kultiviert werden. Mit Hilfe von Zitaten wird dies Rudolf Steiner zwar zugeschrieben, aber das hat er niemals beschrieben, es sind immer kulturhistorische spirituelle Beschreibungen, die sich nicht auf den individuellen Menschen in einer Rasse anwenden lassen. Ich könnte auch noch auf die Qualität der Wiedergabe der gesprochenen Vorträge eingehen. Ich weiß selbst, wie anders die Dinge, die ich sage, oft notiert werden. Aber ich finde vor allem, dass das aristotelische Prinzip gehandhabt werden muss: dass man von der Essenz ausgeht, die in dem Begriff lebt, und dann die Details ableitet – und nicht die Details mit Hilfe von Induktion zu einer Theorie zusammenflicken darf. Man würde mit dem ersten Grundsatz die Essenz von Rudolf Steiner und der Anthroposophie erfassen und von da aus sicher wissen, dass bestimmte Details in dem umfangreichen Werk nicht bestimmend für das Ganze sein können.

Ich kann mich selbst, Anthroposophin und eine feurige Kennerin des Werkes Rudolf Steiners, auch nicht als eine Rassisistin betrachten. Ich habe in meiner fast zwanzigjährigen Praxis als Ärztin in Den Haag Menschen aus allen Rassen in der Sprechstunde gehabt, und ich darf wohl sagen, dass ich die Differenzierungen, die Originalität, den Tiefgang, die Spiritualität verschiedener Rassen, die nicht zur weißen Rasse gehören, genossen habe. Nie würde es mir einfallen, mich wegen meiner weißen Hautfarbe über Mitmenschen mit einer anderen Hautfarbe zu erheben. Wir haben zudem in der weißen Rasse Exemplare wie Adolf Hitler erlebt… Es gibt übrigens moderne wissenschaftliche Autoren, die sich, von ihnen selbst wahrscheinlich unbemerkt, sehr diskriminierend auslassen. Aber wenn man nicht Rudolf Steiner heißt, sondern zum Beispiel Habermas, dann macht es offenbar nichts aus, wenn man herablassend über die verschiedenen Rassen und Volksstämme spricht. Ich habe ein Studium der ‚Theorie des kommunikativen Handelns‘ von Jürgen Habermas betrieben, habe diese Theorie gelesen, studiert, und begegnete in dem Teil über die Rationalisierung der Kultur bestimmten anthropologischen Forschungen. Da wird über einen bestimmten Volksstamm mit dem Terminus ‚Wilde‘ gesprochen. Das sind also Menschen, die in dieser Zeit leben und die ‚wild‘ genannt werden. Das halte ich für ein Wort, das an Rassismus grenzt. Diese Menschen mögen noch so ‚wild‘ geblieben sein, es steckt ein moralischer Unterton in dieser Benennung, der dann auch in dem betreffenden Text zum Ausdruck kommt: ‚Wir können zwar sagen, dass der gemeinsame Gehalt unseres Denkens über den Regen wissenschaftlich ist und mit den objektiven Tatsachen übereinstimmt, während der gemeinsame Gehalt des wilden Denkens unwissenschaftlich ist, da es nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt und zudem mystisch ist, insoweit es die Existenz übersinnlicher Kräfte annimmt.'[4]

Solche Worte wird man bei Steiner nie antreffen, er wird in diesen Stämmen, die dann sogenannte Wilde sind, die tiefere Weisheitskultur gesehen haben, die bei den ‚Nicht-Wilden‘ zugleich mit der ‚Wildheit‘ ‚überwunden‘ wurde, wodurch wir diese Bevölkerung geworden sind, die es in der Wissenschaft so gewaltig weit gebracht hat, einer Wissenschaft, die doch oft alle Weisheit gänzlich verloren hat. Aber gerade das wird Steiner angekreidet, gerade das wird als herablassender Hochmut aufgefasst, dass er die alte Weisheitskultur hochschätzt und sie nicht als eine zufällige ‚Erziehungs-‚Erscheinung eines Stammes oder Volkes betrachtet. Bei Steiner findet man eine entschiedene Abweisung jeder Beurteilung aufgrund des bloß Leiblichen – was jedem Rassismus widerspricht.

Eine Rassendiskriminierung, bei der an dem individuellen Menschen vorbeigegangen wird und ein Exemplar der Menschheit nach seinem Äußeren, seiner physischen Erscheinung beurteilt wird, ist mit der Anthroposophie unvereinbar. Wenn man die letzten Vorträge liest, die Rudolf Steiner über das Karma der anthroposophischen Bewegung gehalten hat, dann wird man darin lesen, dass die Anthroposophie mit einer Rasse, aber auch mit Nationalität überhaupt nichts zu tun hat. Auch nicht mit dem deutschen Volk. In der Anthroposophie geht es um den michaelischen Charakter, und dieser michaelische Charakter ist kosmopolitisch. Er übersteigt Nationalität und Rasse und vereinigt die Menschen aufgrund ihres Willens, die persönlich gewordene Intelligenz so zu spiritualisieren, dass diese Michael zurückgegeben werden kann, der in alten Zeiten die kosmische Intelligenz repräsentierte. Ich darf wohl sagen, dass ich es als eine absolute Verkennung betrachte, wenn von der Anthroposophie gesagt wird, dass sie rassistische Merkmale habe, wenn ihr Begründer als ein Rassist betrachtet wird, oder weniger scharf: als ein Mann, der in seinem Werk hier und da Ideen aufscheinen lasse, die in der modernen Zeit als rassistisch betrachtet werden würden. Dieser Mensch hat mit seinem Werk einen Impuls gegeben, der allen Nationalismus und allen Rassismus, aber auch allen Unterschied in der religiösen Überzeugung, allen Fanatismus und Fundamentalismus übersteigt.

[1]Erschienen in „Anthroposophie“, 19.4.2016, als Autoreferat über den Vortrag von 3.4.2005 unter dem Titel „Unsere Beziehung zu Rudolf Steiner heute“. – Erschienen auch in Sergej O. Prokofieff, „Von der Beziehung zu Rudolf Steiner“, 4. Kapitel: „Ein Weg zu Rudolf Steiner“, 1. Auflage, Dornach, 2006.
[2] Als ich dies während meiner Begegnung in Dornach mit einer Reihe von Würdenträgern besprechen wollte, wurde mir zu verstehen gegeben, dass viele dies durchgemacht hätten, dass es also nichts Besonderes sei – was es nur schmerzlicher macht. Diese Art, jemandem zu begegnen, ist bezeichnend für den Umgang unter Anthroposophen. Nie meine ich damit alle Individuen, sondern das kollektive Vereinigungswesen.
[3] Siehe: Anthroposophie und die Rassismus-Vorwürfe, Kontext Band 1, Info 3 Verlag, 1998.
[4]E.E. Evans Pritchard.

Wer ist Mieke Mosmuller?

Mieke Mosmuller ist Ärztin, Schriftstellerin und Philosophin. Sie schreibt über aktuelle Themen, die ihren philosophisch-spirituellen Entwicklungsweg berühren, den sie 1983 begann,…

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