In einem Gespräch Friedrich Rittelmeyers mit Rudolf Steiner wurde das Folgende besprochen. Rittelmeyer fragte Rudolf Steiner:
„Wo sind denn jetzt eigentlich die ‚Eingeweihten’ der Menschheit, wo ein solches Werk wie das Ihrige auf dem Spiel steht?“ Da sagte er: „Jetzt kommt es darauf an, daß die höheren Wahrheiten durch das Denken der Menschen ergriffen werden. Wenn Sie diesen Eingeweihten heute begegneten, würden Sie an ihnen vielleicht gar nicht das finden, was Sie suchen. Sie hatten ihre Aufgabe mehr in früheren Inkarnationen. Jetzt muß das Denken der Menschen spiritualisiert werden.”
(Friedrich Rittelmeyer: Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner. Verlag Urachhaus, S. 103)
Was diese Spiritualisierung des Denkens genau umfasst, ist Thema in all meinen Büchern, sowohl den Romanen als auch den philosophisch- spirituellen Büchern oder den Kritiken. Doch Spiritualisieren des Denkens ist nicht etwas, was so einfach umschrieben werden kann, weil es ein Prozess der Entwicklung ist, der von einem Gipfel zum nächsten führt.
Der erste Schritt ist der des Studiums der Geisteswissenschaft. Niemand kann zu einer Spiritualisierung des Denkens kommen, der keinen spirituellen Inhalt aufnimmt. Jeder, der nach einer wirklichen Spiritualisierung des Denkens strebt, muss zuerst für wahren spirituellen Inhalt im Denken sorgen. In unserer Zeit bedeutet das: Steiner lesen. Bücher und Vorträge – wenn es möglich ist, in der ursprünglichen Sprache, also im Deutschen. Es ist der Mühe wert, extra dafür das Deutsche lesen zu lernen. Das Lesen von Büchern über die anthroposophischen Inhalte genügt nicht, es müssen wirklich die Inhalte von Steiner selbst sein.
Nun kann das Denken ganz und gar von spirituellem Inhalt erfüllt sein, damit ist das Denken an sich noch nicht spiritualisiert. Das Denken verläuft – auch wenn es rein ist – in Abspiegelungen durch das Gehirn. Durch diesen Prozess ist das Denken mit dem Materiellen verbunden, nicht mit dem Spirituellen. Man könnte sagen, dass auch der spirituelle Inhalt materialisiert wird, wenn nicht das Denken selbst in eine Metamorphose gebracht wird.
Was ist dann diese Metamorphose? Das passive materielle Denken muss sich mit Willen erfüllen, durch den Willen in Gang gesetzt, getragen, fortbewegt werden – so stark, dass es von einer Abspiegelung zu wahrer innerer Kraft, Denkkraft wird. So, wie man seine Muskelkraft fühlt, wenn man etwas aufhebt, was schwer ist, so kann man die Denkkraft gewahrwerden lernen, wenn man „schwer“ denkt, das heißt, mit der äußersten Willenskraft das Denken denkt. Gerade dadurch wird es aus der Erdenschwere erlöst, aus dem Schattendasein, und wird licht. Da aber das Denklicht auch Kraft ist, bleibt es in der Mitte, es entschwebt nicht in irgendeiner Gedankenflucht, es bleibt ganz und gar unter Beherrschung.
Aber es muss auch zu einem „Wahrheitsgewebe“ erzogen werden. Es muss in sich selbst so sehr der Wahrheit verwandt werden, dass es nur darin das Denken gestaltet. Das Denken bewegt sich nun nicht mehr so sehr in logischen Schritten – obwohl es von einer durch und durch logischen Struktur ausgegangen ist –, es beginnt, sich in Formen zu bewegen, in Kraftformen, Lichtformen. Diese lösen sich nicht von dem Denker, der Denker bleibt mit dem Gedanken eins – nur kann der Denker dieses Denken immer mehr zur Verfügung stellen, an „etwas“ hingeben, was sich darin aussprechen will. Dieses „Etwas“ wird als durch Gnade kommend erlebt, es wird als geschenkt erlebt. Es spielt sich jedoch nicht außerhalb des Denkens ab, es ist dem Denken nicht fremd, es ist ihm verwandt, es lebt darin, durchwebt es. Nur ein Wahrheitsgewebe kann durch die Übereinstimmung mit der Weltenwahrheit diese auch in sich aufnehmen. Dann erst tritt die wirkliche Spiritualisierung des Denkens ein, der Spiritus Sanctus verbindet sich mit der lichten, beherrschten Denkkraft.
Es mag deutlich sein, dass dies nicht ein technischer Prozess ist, den man nur zu trainieren braucht, um ihn „haben“ zu können. Es hängt mit der Läuterung der Seele zusammen, und das ist eine Lebensaufgabe, ja eine Aufgabe für mehrere Leben. Das spiritualisierte Denken muss so werden, dass es keine Unwahrheit hervorbringen kann, weil diese als absolutes Gift für die Entwicklung erlebt wird. Die ganze menschliche Seele muss sich selbst so gestalten, dass alles, was sie denkt, fühlt und will, nur in Übereinstimmung mit dem Wahren, Schönen und Guten sein kann. Das aber bedeutet eine lebenslange Selbsterziehung. Das Sich-Vertiefen in die und das Entwickeln der Tugenden* müsste man sich selbst dabei zur Pflicht machen. Plato gibt die vier Kardinaltugenden wieder: Weisheit, Mut, Besonnenheit und Gerechtigkeit. Rudolf Steiner gibt sie in einer christlichen Umformung: Wahrhaftigkeit, Liebe, das rechte Maß und Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit ist etwas, das viel weiter reicht als die Bedeutung, die wir dem Wort geben. Es ist die Umformung des menschlichen Ichs, wodurch es zu einem neuen Geistleib wird, der Christus in sich empfangen kann.
Das heißt nicht, dass der Mensch, der noch Unwahrheit, Schändliches und Schlechtes in sich hat, keine Möglichkeit hätte, das Denken zu spiritualisieren. Vielleicht bleibt die Gnade lange Zeit aus, oder vielleicht kommt sie dennoch bei jeder Selbstüberwindung. Doch selbst wenn sie ausbleiben würde, könnte man dennoch zu den ersten Schritten der Spiritualisierung kommen: dem Studium, der Entwicklung eines reinen, logischen Wirklichkeitsdenkens und einem Ansammeln von so viel Willen wie möglich in diesem rein werdenden Denken.
Dass dies nicht nur eine Angelegenheit des einzelnen Menschen ist, sondern dass dies weitreichende soziale und sogar politische Folgen haben würde – wenn sich die Menschen zu einer Spiritualisierung des Denkens bringen würden –, das ist in den Vorträgen Rudolf Steiners gegen Ende des Ersten Weltkrieges nachzulesen (z.B. GA 187 und GA 193).
(* In dem intensiven Himmelfahrtsseminar in der Schweiz 2014 wurden diese Tugenden studiert, wie Plato und Aristoteles sie beschrieben haben. Zugleich wurde auch die Umwandlung in die christlichen Tugenden hinzugenommen, wie sie Rudolf Steiner in der Vortragsreihe „Christus und die menschliche Seele“ gibt).







