„Ist der Mensch ein Roboter?“

MenschRoboter
Am Mittwoch, den 17. Oktober 2012, organisierte ‚BètaBreak’ eine philosophische Diskussion mit Prof. Bas Haring (Professor für öffentliches Wissenschaftsverständnis, Philosoph), Mieke Mosmuller (Ärztin, Philosophin, Autorin) und Prof. Bob Duin (Experte für Mustererkennung). Das Thema lautete:

Wenn wir durch die materialistische Brille der Naturwissenschaften auf uns selbst blicken, scheint die Essenz verlorenzugehen. Der Mensch ist nicht mehr etwas Besonderes, unterscheidet sich nicht mehr grundsätzlich von einem Roboter oder einem Tier. Sind wir die Einzigen, die denken können? Können wir frei sein? Und inwieweit sind die exakten
Wissenschaften eigentlich geeignet, diese Fragen zu lösen? Brauchen wir dafür einen Blick jenseits unserer Spezialisierungen?

I. Was ist der Unterschied?

Nachdem die letzten Klänge des Streichquartetts, das die Diskussion einleitete, verklungen sind, kann das Gespräch beginnen. An alle drei Gäste wird die Frage gerichtet: ‚Was halten Sie für den größten Unterschied zwischen Ihnen und einem Roboter?’
Haring zufolge ist ein Mensch einfach ein viel komplizierteres Ding. Mosmuller antwortet, dass der Unterschied das selbstbewusste Denken des Menschen ist. Duin schließt daran an, indem er darauf verweist, dass er sich eines Innenlebens bewusst ist. In Robotern laufen nur Programme ab, und sie sind sich dessen nicht bewusst. Dann folgt eine Beschreibung Duins, was ein Roboter eigentlich ist: Ein mechanisches, programmiertes System. Auch wenn dieses Programmieren nicht immer ein unmittelbarer Auftrag ist, sondern einem Apparat auch ermöglicht, umweltunabhängiges Verhalten zu zeigen, ist es letztlich ganz mechanisch zu erklären, was geschieht. Eine solche Maschine braucht also immer einen Lehrer. Jemand, der an den Knöpfen dreht. Diese Beschreibung lässt uns nicht unmittelbar an einen Menschen denken. Wie kommt es dann, dass wir uns überhaupt mit einem Roboter vergleichen? Haring erklärt dies. In der Zeit, als die empirische Wissenschaft aufkam, war es Descartes, der beweisen wollte, dass dasjenige, wovon wir das Gefühl haben, dass es uns zu etwas Besonderem macht, unser Selbstbewusstsein, nichts Mechanisches ist. Ihm zufolge waren Tiere eine Art Maschine, Menschen jedoch nicht. Mit seinem methodischen Zweifel allem gegenüber kam er zu dem Satz: ‚Ich denke, also bin ich.’ Es musste etwas Nicht-Körperliches geben, das dachte. So gab er dem Gefühl, das wir über etwas Ungreifbares verfügen, einen Unterbau. Da nun heute immer mehr Detailkenntnis über die Wirkung des Gehirns gewonnen wird, scheinen wir immer mehr ein Roboter zu werden. Menschen bekommen dabei ein unbehagliches Gefühl, weil wir hoffen, etwas anderes zu sein. Und darum wird die Diskussion über das sogenannte ungreifbare Besondere von uns Menschen wieder aktuell:

‚Meiner Meinung nach ist ein Roboter etwas, das begreifbar ist, indem man ihn auseinandernimmt. Das ist es, was einen Roboter kennzeichnet, und das ist es auch, wovon viele Menschen hoffen, dass es der Mensch nicht ist. Wir sind nämlich grundsätzlich unbegreifbar, wenn man uns auseinandernimmt. Auch wenn man alle Facetten dessen erforscht hat, wie wir ‚zusammengesetzt’ sind, bleibt noch etwas Ungreifbares übrig. Das ist es, was viele Menschen hoffen.’

Durch die enorme technologische Entwicklung gibt es immer mehr, was die Apparate können und wovon wir zuvor dachten, es wäre einzigartig für den Menschen. Das berühmteste Beispiel ist wahrscheinlich der Schachcomputer, der in den 90er Jahren Großmeister Kasparov besiegte. Das einzigartig Menschliche, unser Selbstbewusstsein, scheint damit immer ungreifbarer zu werden. Für die Vertreter der ‚exakten Wissenschaften’ klingt der Begriff ‚Bewusstsein’ sehr vage. Wie können wir darüber auf exaktere Weise nachdenken? Mosmuller will dazu die Tätigkeit des Wissenschaftlers selbst einmal genauer betrachten: Im 13. Jahrhundert gab es einen Mystiker, Meister Eckhart, der gesagt hat: ‚Wenn ich ein König wäre, und ich wüsste es nicht, dann wäre ich kein König.’ Ebenso könnte man sagen, dass wir mit all unserem Wissen nichts hätten, wenn wir uns dessen nicht bewusst werden könnten. BetaBreakWissenschaft, unsere Art, zu Wissen zu kommen, beruht auf zwei Pfeilern: der Logik im Denken einerseits und der Prüfung durch das Experiment andererseits. Das Instrument, mit dem also auch der exakte Wissenschaftler die Hälfte seiner Tätigkeit verrichtet, das logische Denken, ist etwas, was im Bewusstsein verläuft. Dies ist eine Tatsache, die für den Wissenschaftler eigentlich nicht unerforscht bleiben kann. Mosmuller fügt hinzu, dass damit die materielle Grundlage des Bewusstseins nicht festgestellt oder bewiesen ist. Dies ist etwas, was sie außer Betracht lassen will. Man könnte dann meinen: ‚Wenn man nicht bewiesen hat, dass es eine materielle Grundlage hat, wird es wohl eine Illusion sein.’ Doch damit verlässt man einerseits die Logik, weil man etwas, was nicht bewiesen ist, als etwas Nichtexistentes ansieht. Und andererseits schließt man, indem man sich nur auf dasjenige beschränkt, wofür man eine Grundlage im Materiellen finden kann, ein ganzes Gebiet möglichen Wissens von der weiteren Erforschung aus. Man schränkt seine Wissenschaftlichkeit also auf zweierlei Weise ein.

Neben die Frage, wo das Bewusstsein in der Materie zu finden sei und ob dies überhaupt möglich ist, will Mosmuller etwas anderes setzen. Sie findet es wesentlich, dass das Bewusstsein in der Wissenschaft auch Selbstbewusstsein wird:

‚Dass also mit der eigenen Erkenntnismethode nicht mehr oder weniger nur ein Programm abläuft, sondern dass man sich auch bewusst wird, dass man ein Wissenschaftler ist. Und dass man erfasst, dass man als Wissenschaftler auch an dem Bewusstsein des eigenen Denkens arbeiten muss – so dass man, wenn man bestimmte Experimente macht und hier zu Resultaten kommt, sieht, wo man Schlüsse ziehen kann und wo man eigentlich in einen Abgrund gerät, weil man die Resultate nicht mehr hat und doch weiter Schlüsse zieht, während man eigentlich sein Fundament ganz verliert.’

II. Zwei Arten von Bewusstsein

Auch Haring will auf die Tatsache reagieren, dass Bewusstsein für Naturwissenschaftler ein so lästiger Begriff ist. Ihm zufolge kann man Bewusstsein als Naturwissenschaftler nur dadurch fruchtbar untersuchen, indem man es operationalisiert, ihm innerhalb des eigenen naturwissenschaftlichen Gebietes Hand und Fuß gibt. Zuallererst muss man dafür zwei Arten von Bewusstsein unterscheiden: einerseits das sogenannte schwer greifbare Bewusstsein, dass Haring zunächst beiseite lassen will, und andererseits das ‚Berichtbewusstsein’. Wenn etwas über sich selbst Bericht erstatten kann, kann man das eine Form von Bewusstsein nennen. Wenn der ‚Rapport’ sinnlich wahrnehmbar ist, kann man ihn untersuchen. Ein Computer kann zum Beispiel sagen, wie voll seine Festplatte ist. Mit dieser etwas platten Definition von Bewusstsein kann man also sagen, dass ein Computer diese Art von Bewusstsein bereits hat. Was das andere Bewusstsein betrifft, müssen wir uns nach Haring fragen, ob wir uns dabei noch mit einem wissenschaftlichen Thema befassen, weil es auf keinerlei Weise feststellbar ist. Wenn der Unterschied zwischen dem ‚Berichtbewusstsein’ und dem anderen Bewusstsein so klein ist, dass er eigentlich nicht mehr vorhanden ist, dann wird dieses andere Bewusstsein Haring zufolge irrelevant. Außerdem hat man es hier mit dem klassischen Qualitätsproblem zu tun. Woher weiß man, dass die Art und Weise, auf die man die Farbe Rot sieht, dieselbe ist, in der auch der Nachbar das Rot sieht? Das ist ein Problem, dem man nie entkommt.

Haring: ‚Ich würde dieses Bewusstsein auch gar nicht weiter als nur ein wenig an der Oberfläche untersuchen wollen, und dann würde ich mit den Schultern zucken und zu Fragen übergehen, die viel spannender sind.’

Ob dieses schwer greifbare Selbstbewusstsein nicht doch auf die eine oder andere Weise untersucht werden kann, wird von dem Moment an eines der Hauptthemen des Gespräches bleiben. Mosmuller hält die Übersetzung von Bewusstsein in ‚Berichterstattung’ für eine zu magere Definition. Bericht erstatten ist nicht dasselbe wie etwas mitzuerleben. Und sie weist darauf hin, dass Haring bereits eine ganz bestimmte Entscheidung getroffen hat.

Mosmuller: ‚Du hast schon eine Bewertung des Bewusstseins vorgenommen, und es ist die Frage, ob diese stimmt.’

Haring: ‚Ja, das ist wahr… Es ist die Frage, ob eine solche wissenschaftlich zu treffen ist. Vielleicht ist das nicht möglich. Dann würde ich damit auch weiter keine Zeit verschwenden wollen.’

Mosmuller: ‚Ich würde gerne den Denkprozesses bewusst machen, dem du dann folgst. Denn du tust jetzt etwas, wodurch du zu dieser Schlussfolgerung kommst. Oder du hast es natürlich längst getan, du bist damit wahrscheinlich dein ganzes Leben beschäftigt, dieses Bewusstsein mehr oder weniger als ‚unerforschbar’ beiseite zu lassen und zu sagen: ‚Da kann ich mit der Wissenschaft nicht heran, also ist es eigentlich nicht relevant. Beschäftigen wir uns mit wichtigeren Dingen.’

Haring: ‚Nun, es ist vielleicht naturwissenschaftlich etwas weniger relevant. Es ist allemal sehr interessant, Bücher darüber zu schreiben, aber die Frage war: Wie kann ich es naturwissenschaftlich untersuchen? Und da würde ich sagen: Untersuche andere Dinge naturwissenschaftlich und schreibe über Bewusstsein schöne Bücher.’

Mosmuller: ‚Aber wenn man Naturwissenschaftler ist, ist es für die harte Wissenschaft doch sehr wichtig, das wissenschaftliche Denken auch wirklich gut anwenden zu können. Das wäre für mich, wenn ich in einer Fakultät für exakte Wissenschaften das Sagen hätte, von allergrößter Wichtigkeit: dass der Wissenschaftler lernt … zu denken. Also nicht nur Wahrnehmen und einfach Schlüsse ziehen. Und das hat unmittelbar mit Bewusstsein zu tun.’

III. Freiheit und Unvorhersagbarkeit

Haring will auf die Besprechung des Themas Freiheit übergehen, weil dieses Thema viel leichter in das naturwissenschaftliche Gebiet integriert werden kann. Er ist der Meinung, dass Naturwissenschaftler in dieser Diskussion sowohl viel beitragen als auch viel lernen können. Zuerst zeigt er mit einem Beispiel, warum die Frage der Freiheit so wichtig für uns ist:

‚Früher ging ich mit meinen Eltern oft nach einem gewissenes Warenhaus, und da stand ein Affenkasten, also ein Glaskasten mit diesen mechanischen Puppen. Da konnte man dann eine Münze einwerfen und dann bewegten sich die Puppen. Es erklang Musik und es schien so, als würden die Äffchen ein Lied spielen. Ich fand das fantastisch. Doch jedes Mal, wenn man eine neue Münze einwarf, machten die Affen dasselbe. Sie waren einfach eine Mechanik und konnten nicht entwischen, steckten fest in ihrem Schicksal. Nun ja. Wir hoffen, nicht dieselbe Art von Affen zu sein. Darum die Diskussion über Freiheit und freien Willen.’

Mosmuller hält Freiheit für einen überhaupt nicht einfachen Begriff. Was meinen wir damit eigentlich? Auch wenn wir uns aus scheinbar freiem Willen fortbewegen, ist es immer die Frage, ob dies Freiheit ist. Sie glaubt nicht, dass man als Mensch einfach so sagen könne, dass man frei sei. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, müsste man eine sehr genaue Untersuchung der ‚Funktionen’ des Menschen vornehmen und sich fragen, wo diese Freiheit sitzen könnte. Man würde ein sehr großes Gebiet finden, von dem man sicher sagen könnte, dass dort keine Freiheit liegt, und dann bliebe etwas übrig, wo die Freiheit vielleicht sitzen könnte. Ist Freiheit, dass man seinen eigenen Weg gehen kann? Aber woher kommt dieser eigene Weg? Oder zu finden, dass dies der eigene Weg ist – ist das Freiheit? Es ist ein komplizierter Begriff, bei dem man sehr lange innehalten wollen würde, um dann sagen zu können, dass wir vielleicht nicht oder eben doch frei sind oder dass es ein Gebiet gibt, wo wir frei sind. ‚Nicht so einfach.’

Haring setzt seine Erläuterungen fort, warum Freiheit innerhalb der Domäne der Naturwissenschaften leichter zu untersuchen sei als das Bewusstsein: Philosophen finden es natürlich sehr interessant, sich mit dieser Diskussion über Freiheit zu beschäftigen. Wenn Naturwissenschaftler jedoch auf die Details der Dinge fokussieren, zum Beispiel auf die Details unseres Gehirns, können sie diese Freiheit dort nicht finden. Dies führt zu Büchern mit Titeln wie ‚Der freie Wille existiert nicht’ (Victor Lamme). Haring zufolge können gerade Naturwissenschaftler sehr genau wissen, was hier vorliegt. Die Argumente, die Freiheit auf menschlicher Ebene zu verneinen, stammen aus Untersuchungen des Gehirns auf Detailniveau. Es geht um einen Begriff, der auf zwei Ebenen eine jeweils andere Bedeutung hat. Ein anderes Beispiel dafür ist das Wort ‚berühren’. Wenn ich mein Glas auf den Tisch stelle, geht es um eine Berührung auf der Ebene von Glas und Tisch. Doch auf Detailniveau kann von Berührung keine Rede sein, weil zwischen den Atomen immer Raum ist. Dies ist eine typisch naturwissenschaftliche Einsicht, die bei philosophischen Diskussionen helfen kann.

Später erläutert Haring im Gespräch, wie der Begriff ‚Freiheit’ auf menschlicher Ebene zu operationalisieren sei. Man muss eine Reihe von naturwissenschaftlich feststellbaren Kriterien bedenken, denen etwas genügen muss, um frei zu sein. Haring nennt zunächst zwei Komponenten von Freiheit. Erstens muss etwas unvorhersehbar sein. Und zweitens muss etwas selbst von sich angeben können, einen Einfluss auf die Zukunft zu haben. Einem Würfel, dessen Verhalten pragmatisch unvorhersehbar ist, kann man also bereits die erste Komponente von Freiheit zusprechen. Dies ist auch der Grund, dass es nach Haring für einen Roboter nicht grundsätzlich unmöglich ist, frei zu sein. Wenn etwas nur so komplex ist, dass es nicht mehr vorhersehbar ist, geht es um Freiheit. ‚Und so komme ich wieder auf das zurück, was ich anfangs als Unterschied zwischen Mensch und Roboter nannte: Wir sind viel komplexer – im Moment noch.’

IV. Untersuchen des Denkens

Haring zufolge könnte es also sein, dass wir auf Detailniveau völlig determiniert sind, während wir auf menschlichem Niveau dennoch frei sind. Ein Roboter, der nichtsdestotrotz frei ist. Mosmuller weist darauf hin, dass dies eine mögliche Denkweise ist, die jedoch keineswegs bewiesen ist. Nachdem dies von Haring offen anerkannt worden ist, formuliert Mosmuller eine neue Frage: Wenn auf Detailniveau keine Rede von Freiheit wäre, auf dem höheren menschlichen Niveau jedoch sehr wohl, ist Letzteres dann etwas, was wirklich existiert, wenn auch nicht physisch, oder ist es eine Illusion?
Nun wird es wirklich spannend. Das Gespräch kehrt wieder zu dem Problem der Erforschbarkeit des Selbstbewusstseins zurück. Auch einer der Studenten aus dem Publikum mischt sich aktiv in die Diskussion. Er ist absolut nicht damit einverstanden, dass Haring die Erforschung des sogenannten schwer greifbaren Bewusstseins als unsinnig abtut. Und er fragt sich, wie man behaupten könne, dass Freiheit auf menschlichem Niveau besteht, wenn sie auf Detailniveau nicht gefunden wird. Die Neurowissenschaft ist noch äußerst primitiv, und es ist ein Zeichen von Schwäche, das Bewusstsein als etwas Unbegreifliches beiseitezuschieben. Wir müssten doch noch viel mehr erforschen, wie eine Erfahrung zustande kommt?

Student: ‚Gerade in Richtung dieser Grenze, dieses Übergangs, kann man doch noch mehr forschen. Denn diese Grenze zwischen bewusst und unbewusst ist gerade deshalb so unglaublich vage, weil wir so wenig darüber wissen. Wenn man aber sagt, es sei unsinnig, hier zu forschen, gerät man doch immer wieder in diese Kluft?’

Haring: ‚Ich finde, es gibt Dinge, deren Erforschung unsinnig ist. Zum Beispiel die Frage ‚Sehen wir dasselbe Rot?’ Denn diese Frage kann auf keinerlei Weise befriedigend beantwortet werden. Und es könnte sein, dass der Begriff Bewusstsein so gefasst wird, dass er letztlich eine ebensolche Frage wird wie ‚Sehen wir dasselbe Rot?’ – und dann ist es für mich eine unerforschbare Frage geworden.’

Mosmuller: ‚Man kann das Bewusstsein aber sehr wohl untersuchen, wenn man das Denken untersucht. Und dann hat man dieses Problem nicht. Dann ist es nicht der Fall, dass man sagt: ‚Ist Rot für dich dasselbe wie für mich?’ Doch dann muss man sich natürlich an exakte Begriffe halten. Und damit würde man in dieser Frage schon ein ganzes Stück weiterkommen können.’

Haring: ‚Das Problem ist folgendes. Angenommen, es kommt ein Wissenschaftler, der sagt: ‚Bewusstsein sind diese und jene Eigenschaften. Diese Nervenbahn, und die macht dann Folgendes usw. usw. Das ist Bewusstsein.’ Dann zuckt jemand anders mit den Schultern und sagt: ‚Nein, Bewusstsein ist etwas anderes. Ich fühle, ich erlebe, dass es etwas anderes ist.’ Die Frage entwischt uns also. Bewusstsein ist immer etwas anderes als irgendeine wissenschaftliche Erforschung beschreiben oder definieren könnte. Es ist nämlich das, wovon ich fühle, dass es mich besonders macht. Gegen diese Aussage wird man immer machtlos bleiben.’

Mosmuller: ‚Aber warum sollte man so vorgehen? Es gibt doch ein Gebiet im Bewusstsein, über das wir sehr wohl einig sind. Es ist das Gebiet, mit dem auch der exakte Wissenschaftlicher glücklich ist, und das ist die Intelligenz. Das heißt: das intelligente Denken. Wenn es um das Erleben geht, ja, da kann ich mir vorstellen, dass für jeden etwas anderes gilt. Aber wenn es um die Gesetzmäßigkeiten geht, innerhalb derer die Intelligenz funktioniert, die doch auch eine Bewusstseinsaktivität ist, kann man doch sagen, dass man hier sehr wohl Forschungen betreiben kann. Dies würde doch auch unmittelbar in das Gebiet der exakten Wissenschaften gehören. Auch wenn man dann nicht mehr mit materiellen Untersuchungen zu tun hat, untersucht man doch dasjenige Instrument, das einem das allerliebste ist, nämlich sein intelligentes Denken. Und das ist doch eine Bewusstseinsqualität, daraus kann man doch nicht etwas anderes machen. Man ist sich doch bewusst, ob man etwas erkennt oder nicht.’

Haring: ‚Hier stimme ich doch nicht ganz überein.’

Mosmuller ‚Das ist wahrscheinlich der ganze Punkt.’

Haring: ‚Das intelligente Denken ist gewiss eine Domäne, die in die Naturwissenschaften gehört, aber dieses intelligente Denken kann ganz und gar ohne irgendeine Form von Bewusstsein stattfinden. Wir haben schon das Beispiel des Schachspiels berührt. Noch vor dreißig Jahren wurde Schach als das intelligenteste Denken betrachtet, das denkbar war. Doch heute kann schon ein Schachcomputer für einen Euro, wie man ihn bei Bart Smit kaufen kann, besser spielen als jeder hier im Saal, ohne dass wir behaupten müssen, der Schachcomputer hätte Bewusstsein.’

Mosmuller: ‚Ich meine natürlich das menschliche Bewusstsein und die menschliche Intelligenz, nicht die künstliche Intelligenz, sondern das, was man auch gebraucht, wenn man eine künstliche Intelligenz erschafft.’

Haring: ‚Wenn man über Denken und Intelligenz nachdenkt, darf man sich natürlich nicht auf einen Organismus beschränken, der das mehr oder weniger zufällig kann. Man muss es verallgemeinern. Was ist dieses Denken überhaupt und was macht etwas intelligent?’

Mosmuller: ‚Das meine ich nicht. Ich meinte nicht die Frage: ‚Was ist Intelligenz?’, sondern dass man sich des menschlichen Funktionierens der Intelligenz bewusst wird, nicht so sehr von außen, sondern indem man untersucht: Wie mache ich das eigentlich? Und das ist etwas ganz anderes. Es geht dann nicht darum, äußerlich zu beschreiben: eine menschliche Intelligenz funktioniert so und eine Apparate-Intelligenz so, sondern darum, wirklich zu beobachten, welche Schritte man eigentlich vollzieht, wenn man denkt.’

Haring: ‚Aber meinst du, du selbst könntest verlässliche Informationen darüber geben?’

Mosmuller: ‚Ja.’

Duin verdeutlicht, was in diesem Moment des Gespräches die eigentliche Frage ist. Ist wissenschaftliche Forschung immer etwas, was sich von außen abspielt? Oder betreibe ich Wissenschaft auch, wenn ich nachdenke, frage, Denkrichtungen vergleiche? Wir kommen wieder zu Descartes zurück. Als einer der Begründer der zuvor genannten wissenschaftlichen Methode untersuchte er die ihn umgebende Welt. Doch er untersuchte auch sein Bewusstsein, sein Denken. Können wir diese Untersuchung des eigenen logischen Denkens, das doch bei jedem auf dieselbe Weise geschieht, ebenfalls Wissenschaft nennen? Haring ist sehr wohl ein Fan von Forschung mittels Gedankenexperimenten, obwohl dies dann nicht mehr naturwissenschaftliche Forschung heißt. Er bringt das Beispiel von Einstein, ebenfalls ein Mann, der seine Wissenschaft betrieb, indem er nachdachte. Er kam zu Ideen, die erst Jahre später experimentell erforscht werden konnten. Diese experimentelle Prüfung wird Haring zufolge immer irgendwann stattfinden müssen, denn bloßes Spekulieren findet er nicht so spannend.

V. Was nennen wir eigentlich Denken?

Wir können also denken, wir sind uns bewusst, dass wir denken, und wir können darüber auch berichten. Kann ein Roboter nun ebenfalls denken und sich dessen bewusst sein? Haring weist wiederum darauf hin, dass es seiner Meinung nach zwischen der Tatsache, dass wir sagen, dass wir denken, und dem, was in Wirklichkeit unbewusst geschieht, meist einen Unterschied gibt. Es kann begründet bezweifelt werden, ob die Überlegungen, die einem Entschluss vorausgehen und die wir selbst als Ursachen für unser Handeln betrachten, auch tatsächlich die Ursachen unseres Handelns
sind.

Haring: ‚Angenommen, wir machen mit dir das folgendes Experiment. Wir haben ein Gespräch, und ich lasse dreimal das Wort ‚Cola’ fallen. Dann gehen wir zur Kantine, und ich frage dich, was du trinken willst. Du antwortest, dass du Lust auf eine Cola hast. Angenommen, ich frage dich nun, warum du eigentlich eine Cola nimmst, und du sagst, dass du Zucker brauchst, dass du Cola sehr lecker findest und dass du dienstags immer Cola nimmst. Dann würdest du auf diese Weise über deine Entscheidung berichten. Doch ein Verhaltenspsychologe würde sagen: Nein, der Kerl wurde geprimt. Ich vertraue mehr dieser zweiten Version: dass man etwas anderes sagt, als wirklich der Fall ist.’

Mosmuller: ‚Aber dann geht es nicht um das Denken. Ich betrachte das nicht als Denken. Es ist ein assoziatives Gefühlsgeschehen, das im Denken dann ein wenig mitspielt. Doch das ist natürlich nicht mit dem zu vergleichen, was man tut, wenn man wirklich wissenschaftlich denkt.’

Haring: ‚Das ist sicherlich sehr schwierig. Was ist das dann aber, in Gottes Namen?’

Mosmuller: ‚Dass man wirklich versucht, den einen Gedanken konsequent an den anderen anzuschließen, anstatt einfach ein bisschen drauflos zu assoziieren. Bei diesem Drauflos-Assoziieren kann ich mir vorstellen, dass man sagt: ‚Das, was ich davon berichte, ist etwas ganz anderes, als was es in Wirklichkeit vielleicht ist.’ Wenn man aber konsequent, bewusst, den einen Gedanken an den anderen anschließt, und man berichtet dies, ist es sehr wohl übereinstimmend.’

Haring: ‚Ja, da hast du recht. Wenn eben nur nicht gerade dies ein solcher Prozess ist, der so genau sein muss, dass ich gerade meine, dass das Unbewusste dies besser kann. Das ganze logische, sehr sachliche Überlegen ist typischerweise etwas, was ein Apparat gerade viel besser kann als wir. Frustrierend genug.’

Mosmuller: ‚Ich denke, hier muss man auch die Frage stellen: ‚Kommt ein Roboter in dem Prozess einer Problemlösung zu Einsicht?’ Das halte ich für eine sehr wichtige Frage. Ist es ein automatisch ablaufender Prozess, oder ist es auch möglich, sich bei einem Computer vorzustellen, dass er etwas aus Einsicht tut?’

Haring: ‚Dann kommen wir aber auch zu folgender Frage: Kommst du zu Einsicht?’

Mosmuller: ‚Ja.’

Haring: ‚Nun, eines weiß ich sicher: du sagst, du kommst zu Einsicht. Aber wie dies wiederum möglich ist, dass du das sagst, weiß ich nicht.’

Mosmuller: ‚Nein, das weiß ich auch nicht.’

Haring: ‚Und komme ich zu Einsicht? Ich habe die Erfahrung, dass ich zu Einsicht komme, aber ob ich wirklich zu Einsicht gekommen bin, das weiß ich auch nicht.’

Mosmuller: ‚Aber wenn man das sagen kann, hat doch auch so ein Gespräch wie dieses hier überhaupt keinen Sinn. Denn dann sind wir alle ein wenig am Sprechen, doch wissen tun wir nichts, wir sehen nichts ein, wir haben von nichts eine Vorstellung, wir sind uns nicht bewusst – dann weiß ich eigentlich nicht, was wir dann… Ich halte es für sehr wichtig, dass man zugeben kann, dass man als Mensch in einem bestimmten Augenblick einen Moment der Einsicht hat. Und dann ist die Frage: Kann ein Roboter das auch?’

Wiederum will Haring sich nur an die äußeren Erscheinungen halten: Wir müssen uns fragen, ob ein Roboter sagen kann, dass er zur Einsicht komme, und dann, ob wir annehmen können, dass dieser Bericht auch gültig sei. Für Mosmuller ist dies nicht genug, keine Garantie, dass ein Roboter auch wirklich zu Einsicht kommt. Sie weist darauf hin, dass auch Harings Gedankengang doch auf irgendetwas beruhen muss. Haring zufolge ist dies Folgendes: Eine ganze Reihe von Prozessen in seinem Kopf, die die ganze Zeit unbewusst im Gange sind. Aus diesem zugrundeliegenden System geht dann eine Idee im Bewusstsein hervor, und dann hat man so etwas wie ‚Ich verstehe es!’ Wie schon zuvor weist Mosmuller darauf hin, dass auch diese Denkweise auf einer Annahme beruht und es nicht bewiesen ist, dass dies so geschieht. Auch diesmal wird ihr Einwand von Haring anerkannt.

Mosmuller: ‚Dann verliert man aber doch sein Fundament, während man über etwas spricht, denn dann behauptet man es einfach nur. Man sagt einfach: ‚So funktioniert es.’ Und dann muss ich das akzeptieren, ich akzeptiere das aber nicht, denn ich sage: ‚Nein, ich finde, dass ein Mensch das Vermögen hat, zur Einsicht zu kommen.’ Nun erwiderst du: ‚Ja gut, das sagst du.’ Aber dann…’

VI. Denkschulung für Wissenschaftler

Es ist deutlich, dass man nicht zu einer Einigkeit kommt. Aber die Stunde ist vorbei, und das Gespräch wird mit der Frage beschlossen, worüber Einigkeit besteht. ‚Muss diese Art von Diskussionen nicht gerade von Studenten der exakten Fakultäten geführt werden?’ Denn Philosophie ist in den exakten Fakultäten aus nahezu allen Curricula verschwunden. Wissenschaftler lernen zwar, ihre Wissenschaftsmethode anzuwenden, werden jedoch keineswegs angeregt, sich zu fragen, womit sie sich eigentlich beschäftigen.

Haring: ‚Ich denke, Naturwissenschaftler sind wirklich ein prägender Faktor der Gesellschaft. Es wird sehr viel Wissen hervorgebracht, mit dem alles Mögliche geschieht. Und dann ist es doch traurig, dass die Menschen, die dieses Wissen hervorbringen, nicht auf diese Art von Wissen reflektieren können und es auch nicht in die Probleme übersetzen können, mit denen sich Menschen gewöhnlich beschäftigen.’

Als Mosmuller gefragt wird, wie diese Denkschulung ihrer Meinung nach aussehen müsste, bekommen wir einen ersten Eindruck, wie wir dies tun könnten – das Bewusstsein durch das Denken zu untersuchen: ‚Ich würde dann zwei Bereiche sehen. Der erste wäre ein Studieren der Vorstellungen, die es über Wissenschaft gibt. In der fernen Vergangenheit, im Mittelalter und jetzt. Dass man also ein Wissen bekommt, wie sich geschichtlich die Ideen über das, was Wissenschaft ist, entwickelt haben. Und auf der anderen Seite, und das halte ich für sehr wichtig, gerade in der exakten Wissenschaft, ginge es darum, dass gelehrt wird, auf die Frage zu blicken: ‚Was ist das wissenschaftliche Denken an sich?’ Also nicht als Theorie, nicht angewandt auf das jeweilige Fach, sondern als Denken an sich. Das Funktionieren der menschlichen Intelligenz. Das müsste für mich das Hauptfach sein. Und das ist wirklich etwas Praktisches!Das wäre kein Studieren von Büchern, sondern das wäre Übungspraxis.’

So würde man lernen, worauf man achten muss, wenn man Wissenschaft betreibt: ‚Dass man exakt sehen lernt, wo die Grenzen zwischen demjenigen liegen, was man noch, durch das Experiment, als wissenschaftlichen Untergrund hat, und wo man einen Übergang zu Gebieten vollzieht, die nicht mehr unterbaut sind und wo man sehr leicht in die Phantasie hineingerät. Also dieses ‚in sich selbst Begleiten’ des Denkprozesses wäre für einen exakten Wissenschaftler von großer Bedeutung.’

VII. Lesetips

Mehr Lesen über Roboter mit Bewusstsein oder über das Untersuchen des Denkens?

Bas Haring: ‚Der eiserne Wille’ (‚De ijzeren wil’).

Mieke Mosmuller: ‚Ich mache, was ich will! Freiheitsphilosophie für junge Menschen’ und ‚Suche das Licht, das im Abendlande aufgeht’.

Wer ist Mieke Mosmuller?

Mieke Mosmuller ist Ärztin, Schriftstellerin und Philosophin. Sie schreibt über aktuelle Themen, die ihren philosophisch-spirituellen Entwicklungsweg berühren, den sie 1983 begann,…

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In der Woche vor Ostern werden wir unter der Leitung von Mieke Mosmuller die Kathedrale von Chartres besuchen. Wir übernachten im Gasthaus St. Yves, das sich direkt neben der Kathedrale befindet.

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