{"id":3964,"date":"2025-06-22T19:28:12","date_gmt":"2025-06-22T17:28:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/?p=3964"},"modified":"2025-06-22T20:30:01","modified_gmt":"2025-06-22T18:30:01","slug":"menschenseele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/de\/menschenseele\/","title":{"rendered":"Menschenseele&#8230;"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 22\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><strong>Das Ma\u0308rchen, J.W. Von Goethe<\/strong><\/p>\n<p>Der Mann mit der Lampe f\u00fchrte nunmehr den sch\u00f6nen, aber immer noch starr vor sich hinblickenden J\u00fcngling vom Altare herab und gerade auf den ehernen K\u00f6nig los. Zu den F\u00fc\u00dfen des m\u00e4chtigen F\u00fcrsten lag ein Schwert, in eherner Scheide. Der J\u00fcngling g\u00fcrtete sich.<br \/>\n\u201eDas Schwert an der Linken, die Rechte frei!\u201c rief der gewaltige K\u00f6nig. Sie gingen darauf zum silbernen, der sein Zepter gegen den J\u00fcngling neigte. Dieser ergriff es mit der linken Hand, und der K\u00f6nig sagte mit gef\u00e4lliger Stimme: \u201eWeide die Schafe!\u201c<br \/>\nAls sie zum goldenen K\u00f6nig kamen, dr\u00fcckte er mit v\u00e4terlich segnender Geb\u00e4rde den J\u00fcngling den Eichenkranz aufs Haupt und sprach:<br \/>\n\u201eErkenne das H\u00f6chste!\u201c<\/p>\n<p>Der Alte hatte w\u00e4hrend dieses Umgangs den J\u00fcngling genau bemerkt. Nach umg\u00fcrteten Schwert hob sich seine Brust, seine Arme regten sich und seine F\u00fc\u00dfe traten fester auf; indem er den Zepter in die Hand nahm, schien sich die Kraft zu mildern und durch einen unaussprechlichen Reiz noch m\u00e4chtiger zu werden; als aber der Eichenkranz seine Locken zierte, belebten sich seine Gesichtsz\u00fcge, sein Auge gl\u00e4nzte von unaussprechlichem Geist, und das erste Wort seines Mundes war:<br \/>\n\u201eLilie!\u201c<br \/>\n\u201eLiebe Lilie!\u201c rief er, als ihr die silbernen Treppen hinauf entgegeneilte; denn sie hatte von der Zinne des Altars seiner Reise zugesehn.<br \/>\n\u201eLiebe Lilie! Was kann der Mann, ausgestattet mit allem, sich K\u00f6stlichers w\u00fcnschen als die Unschuld und die stille Neigung, die mir dein Busen entgegenbringt? O! Mein Freund,\u201c fuhr er fort, indem er sich zu der Alten wendete und die drei heiligen Bilds\u00e4ulen ansah, \u201eherrlich und sicher ist das reich unserer V\u00e4ter, aber du hast die vierte Kraft vergessen, die noch f\u00fcher, allgemeiner, gewisser die Welt beherrscht, die Kraft der Liebe.\u201c<br \/>\nMit diesen Worten fiel er dem sch\u00f6nen M\u00e4dchen um den Hals; sie hatte den Schleier weggeworfen und ihre Wangen f\u00e4rbten sich mit der sch\u00f6nsten unverg\u00e4nglichen R\u00f6te&#8230; Hierauf sagte der Alte l\u00e4chelnd:<br \/>\n\u201eDie Liebe herrscht nicht, aber sie bildet, und das ist mehr.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcber dieser Feierlichkeit, dem Gl\u00fcck, dem Entz\u00fccken hatte man nicht bemerkt, da\u00df der Tag v\u00f6llig angebrochen war, und nun fielen auf einmal durch die offene Pforte ganz unerwartete Gegenst\u00e4nde der Gesellschaft in die Augen. Ein gro\u00dfer mit S\u00e4ulen umgebender Platz machte den Vorhof, an dessen Ende man eine lange und pr\u00e4chtige Br\u00fccke sah, die mit vielen Bogen \u00fcber den Flu\u00df hin\u00fcber reichte; sie war an beiden Seiten mit S\u00e4uleng\u00e4ngen f\u00fcr die Wanderer bequem und pr\u00e4chtig eingerichtet, deren sich schon viele Tausende eingefunden hatten, und emsig hin- und widergingen. Der gro\u00dfe Weg in der Mitte war von Herden und Maultieren, Reitern und Wagen belebt, die an beiden Seiten, ohne sich zu hindern, stromweise hin- und herflossen. Sie schienen sich alle \u00fcber die Bequemlichkeit und Pacht zu verwundern, und der neue K\u00f6nig mit seiner Gemahlin war \u00fcber die Bewegung und das Leben dieses gro\u00dfen Volkes so entz\u00fcckt, als ihre wechselseitige Liebe sie gl\u00fccklich machte.<\/p>\n<p>\u201eGedenke der Schlange in Ehren!\u201c sagte der Mann mit der Lampe. \u201eDu bist ihr das Leben, deine V\u00f6lker sind ihr die Br\u00fccke schuldig, wodurch diese nachbarlichen Ufer erst zu L\u00e4ndern belebt und verbunden werden. Jene schwimmenden und leuchtenden Edelsteine, die Reste ihre aufgeopferten K\u00f6rpers, sind die Grundpfeiler dieser herrlichen Br\u00fccke, auf ihnen hat sie sich selbst erbaut und wird sich selbst erhalten.\u201c<\/p>\n<p>Man wollte eben die Aufkl\u00e4rung dieses wunderbaren Geheimnisses von ihm verlangen, als vier sch\u00f6ne M\u00e4dchen zu der Pforte des Tempels hereintraten. An der Harfe, dem Sonnenschirm und dem Felsstuhl erkannte man sogleich die Begleiterinnen Liliens, aber die vierte, sch\u00f6ner als die drei, war eine Unbekannte, die scherzend schwesterlich mit ihnen durch den Tempel eilte und die silbernen Stufen hinanstieg.<br \/>\n\u201eWirst du mir k\u00fcnftig mehr glauben, liebes Weib?\u201c sagte der Mann mit der Lampe zu der Sch\u00f6nen. \u201eWohl dir und jedem Gesch\u00f6pfe, das sich diesen Morgen im Flusse badet!\u201c<br \/>\nDie verj\u00fcngte und versch\u00f6nerte Alte, von deren Bildung keine Spur mehr \u00fcbrig war, umfa\u00dfte mit belebten jugendlichen Armen den Mann mit der Lampe, der ihre Liebkosungen mit Freundlichkeit aufnahm. \u201eWenn ich dir zu alt bin,\u201c sagte er l\u00e4chelnd, \u201eso darfst du heute einen anderen Gatten w\u00e4hlen; von heute an ist keine Ehe g\u00fcltig, die nicht aufs neue geschlossen wird.\u201c<br \/>\n\u201eWei\u00dft du denn nicht,\u201c versetzte sie, \u201eda\u00df du auch j\u00fcnger geworden bist?\u201c<br \/>\n\u201eEs freut mich, wenn ich in deinen jungen Augen als ein wackrer J\u00fcngling erscheine; ich nehme deine Hand von neuem an, und mag gern mit dir in das folgende Jahrtausend hin\u00fcberleben.\u201c<\/p>\n<p>Die K\u00f6nigin bewillkommte ihre neue Freundin und stieg mit ihren und den \u00fcbrigen Gespielinnen in den Altar hinab, indes der K\u00f6nig in der Mitte der beiden M\u00e4nner nach der Br\u00fccke hinsah und aufmerksam das Gewimmel des Volks betrachtete.<br \/>\nAber nicht lange dauerte seine Zufriedenheit, denn er sah einen Gegenstand, der ihm einen Augenblick Verdru\u00df erregte. Der gro\u00dfe Riese, der sich von seinem Morgenschlaf noch nicht erholt zu haben schien, taumelte \u00fcber die Br\u00fccke her und verursachte daselbst gro\u00dfe Unordnung. Er war, wie gew\u00f6hnlich schlaftrunken aufgestanden und gedachte sich in der bekannten Bucht des Flusses zu baden; anstatt derselben fand er festes Land und tappte auf dem breiten Pflaster der Br\u00fccke hin. Ob er nun gleich zwischen Menschen und Vieh auf das ungeschickteste hineintrat, so ward doch seine Gegenwart zwar von allen angestaunt, doch von niemand gef\u00fchlt; als ihm aber die Sonne in die Augen schien, und er die H\u00e4nde aufhub sie auszuwischen, fuhr der Schatten seiner ungeheuren F\u00e4uste hinter ihm so kr\u00e4ftig und ungeschickt unter der Menge hin und wider, da\u00df Menschen und Tiere in gro\u00dfen Massen zusammenst\u00fcrzten, besch\u00e4digt wurden und Gefahr liefen in den Flu\u00df geschleudert zu werden.<\/p>\n<p>Der K\u00f6nig, als er diese Untat erblickte, fuhr mit einer unwillk\u00fcrlichen Bewegung nach dem Schwerte, doch besann er sich und blickte erst ruhig sein Zepter, dann die Lampe und das Ruder seiner Gef\u00e4hrten an. \u201eIch errate deine Gedanken\u201c, sachte der Mann mit der Lampe, \u201eaber wir und unsere Kr\u00e4fte sind gegen die Ohnm\u00e4chtigen ohnm\u00e4chtig. Sei ruhig! Er schadet zum letztenmal, und gl\u00fccklicherweise ist sein Schatten von uns abgekehrt.\u201c<\/p>\n<p>Indessen war der Riese immer n\u00e4her gekommen, hatte vor Verwunderung \u00fcber das, was er mit offenen Augen sah, die H\u00e4nde sinken lassen, tat keinem Schaden mehr, und trat gaffend in den Vorhof herein.<\/p>\n<p>Gerade ging er auf die T\u00fcre des Tempels zu, als auf einmal in der Mitte des Hofes auf dem Boden festgehalten wurde. Er stand als eine kolossale m\u00e4chtige Bilds\u00e4ule, von r\u00f6tlich gl\u00e4nzendem Steine, da, und sein Schatten zeigte die Stunden, die in einem Kreis auf dem Boden um ihn her, nicht in Zahlen, sondern in edlen und bedeutenden Bildern, eingelegt waren.<\/p>\n<p>Nicht wenig erfreut war der K\u00f6nig, den Schatten des Ungeheuers in n\u00fctzlicher Richtung zu sehen; nicht wenig verwundert war die K\u00f6nigin, die als sie mit gr\u00f6\u00dfer Herrlichkeit geschm\u00fcckt aus dem Altare, mit ihren Jungfrauen, heraufstieg, das seltsame Bild erblickte, das die Aussicht aus dem Tempel nach der Br\u00fccke fast zudeckte.<\/p>\n<p>Indessen hatte sich das Volk dem Riesen nachgedr\u00e4ngt, da er stillstand, ihn umgeben und seine Verwandlung angestaunt. Von da wandte sich die Menge nach dem Tempel, den sie erst jetzt gewahr zu werden schien und dr\u00e4ngte nach der T\u00fcr.<\/p>\n<p>In diesem Augenblicke schwebte der Habicht mit dem Spiegel hoch \u00fcber dem Dom, fing das Licht der Sonne auf und warf es \u00fcber die auf dem Altar stehende Gruppe. Der K\u00f6nig, die K\u00f6nigin und ihre Begleiter erschienen in dem d\u00e4mmernden Gew\u00f6lbe des Tempels, von einem himmlischen Glanze erleuchtet, und das Volk fiel auf sein Angesicht. Als die Menge sich wieder erholt hatte und aufstand, war der K\u00f6nig mit den Seinigen in den Altar hinabgestiegen, um durch verborgene Hallen nach seinem Palaste zu gehen, und das Volk zerstreute sich in dem Tempel, seine Neugierde zu befriedigen. Es betrachtete die drei aufrecht stehenden K\u00f6nige mit Staunen und Ehrfurcht, aber es ward desto begieriger zu wissen, was unter dem Teppiche in der vierten Nische f\u00fcr ein Klumpen verborgen sein m\u00f6chte; denn, wer es auch mochte gewesen sein, wohlmeinende Bescheidenheit hatte eine pr\u00e4chtige Decke \u00fcber den zusammengesunkenen K\u00f6nig hingebreitet, die kein Auge zu durchdringen vermag und keine Hand wagen darf wegzuheben.<\/p>\n<p>Das Volk h\u00e4tte kein Ende seines Schauens und seiner Bewunderung gefunden, und die zudringende Menge h\u00e4tte sich in dem Tempel selbst erdr\u00fcckt, w\u00e4re nicht ihre Aufmerksamkeit nicht wieder auf den gro\u00dfen Platz gelenkt worden.<\/p>\n<p>Unvermutet fielen Goldst\u00fccke, wie aus der Luft, klingend auf die marmornen Platten, die n\u00e4chsten Wanderer st\u00fcrzten dar\u00fcber her, um sich ihrer zu bem\u00e4chtigen, einzeln wiederholte sich dies Wunder, und zwar bald hier und bald da. Man begreift wohl, da\u00df die abziehenden Irrlichter sich hier nochmals eine Lust machten und das Gold aus den Gliedern des zusammengesunkenen K\u00f6nigs auf eine lustige Weise vergeudeten. Begierig lief das Volk noch eine Zeitlang hin und wider, dr\u00e4ngte und zerri\u00df sich, auch noch da keine Goldst\u00fccke mehr herabfielen. Endlich verlief es sich allm\u00e4hlich, zog seine Stra\u00dfe, und bis auf den heutigen Tag wimmelt die Br\u00fccke von Wanderern, und der Tempel ist der besuchteste auf der ganzen Erde.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3027 size-full aligncenter\" src=\"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/572B0DB1-CEED-47B8-88B3-DAABBE7112FE_4_5005_c.jpeg\" alt=\"\" width=\"382\" height=\"310\" srcset=\"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/572B0DB1-CEED-47B8-88B3-DAABBE7112FE_4_5005_c.jpeg 382w, https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/572B0DB1-CEED-47B8-88B3-DAABBE7112FE_4_5005_c-300x243.jpeg 300w\" sizes=\"(max-width: 382px) 100vw, 382px\" \/><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ma\u0308rchen, J.W. 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