{"id":3683,"date":"2022-12-28T00:00:00","date_gmt":"2022-12-27T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/zum-raum-wird-hier-die-zeit\/"},"modified":"2025-06-22T14:41:03","modified_gmt":"2025-06-22T12:41:03","slug":"zum-raum-wird-hier-die-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/de\/zum-raum-wird-hier-die-zeit\/","title":{"rendered":"Zum Raum wird hier die Zeit"},"content":{"rendered":"<p>Zeit wird zum Raum. Das ist wirklich das Kernelement, woraus Richard Wagner das ganze Werk \u201aParsifal\u2018 konzipiert hat. Bei der ersten Begegnung fand ich diesen r\u00e4tselhaften Satz sehr poetisch, aber weiter nichtssagend. Bis ich viele Jahre sp\u00e4ter genau diese Formulierung wiederfand bei R. Steiner in einem Vortrag vom 19. August 1923: Erste Schritte zur imaginativen Erkenntnis.<\/p>\n<div><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" style=\"display: block; margin-left: auto; margin-right: auto;\" src=\"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/73EBF5A1-DFB2-4DDC-AE02-4F71154D70BC.jpg\" alt=\"73EBF5A1-DFB2-4DDC-AE02-4F71154D70BC\" width=\"560\" height=\"313\" \/><\/div>\n<div style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Richard Wagner (Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer sch\u00f6nen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist des freien Menschen \u00fcber alle Schranken der Nationalit\u00e4ten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein. (Aus: <em>Kunst und Revolution<\/em>))<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/span><\/div>\n<p>Hierin sagt er, dass im \u00dcbergang vom gew\u00f6hnlichen Bewusstsein zur Imagination \u201aDie Zeit zum Raum\u2018 wird und dass diese Bewusstseinsver\u00e4nderung, die n\u00f6tig ist, um zur Imagination zu kommen, unerwartet auftreten kann durch den einen oder anderen Schock, wie ein Ertrinkender, der sich in Todesgefahr f\u00fchlt. Diesem Wortlaut war ich buchst\u00e4blich begegnet in Parsifal und durch diesen Vortrag fand ich den Schl\u00fcssel, um das Werk besser zu verstehen. Wenn Kundry im ersten Aufzug unerwartet Parsifal erz\u00e4hlt, dass seine Mutter gestorben ist (Seine Mutter ist tot), kommt er in Atemnot. \u201aIch verschmachte\u2018, steht da im Text. In diesem Moment kam die \u201aVerwandlungsmusik\u2018, die ich zuallererst als gew\u00f6hnliche Szenenmusik aufgefasst hatte, da die B\u00fchne sich zur Gralsburg verwandeln muss. Parsifal sagt dann: \u201aIch schreite kaum, doch w\u00e4hn` ich mich schon weit\u2018, worin deutlich wird, dass er sich physisch kaum bewegt, aber, dass er in eine andere Welt oder Dimension gekommen ist. Er erf\u00e4hrt eine Bewusstseins\u00e4nderung, wobei da nicht eine vierte Dimension dazu kommt, aber, wie Steiner sagt, wir da eine verlieren, so wie bei dem Panorama-Tableau nach dem Tod. (Was im Leben nacheinander in der Zeit verl\u00e4uft, erscheint nach dem Tod nebeneinander in einer \u201azweidimensionalen\u2018 Panorama\u00fcbersicht.) In dieser gewaltigen Musik wird diese Erfahrung \u201aZeit wird zum Raum\u2018 paradoxerweise vertont.<br \/>\nParadox, denn Musik kann sich normalerweise nur in der Zeit ausdr\u00fccken. Diese Tatsache wird am meisten erfahren im Metrum, z.B. dem Stabrhythmus des Marsches. Wenn wir nun dieses Marschtempo wirklich senken zu einer sehr langsamen Bewegung, so wie im Vorspiel von Parsifal (sehr langsam), wird dieses Zeitgef\u00fchl stark reduziert, es wird zeitloser.<br \/>\nMeines Erachtens s\u00fcndigen viele Dirigenten hiergegen, da sie dem Unangenehmen versuchen zu entkommen dadurch, dass sie es einfach etwas schneller spielen. Wir haben in Antwerpen Auff\u00fchrungen gespielt, die bei bestimmten Dirigenten eine halbe Stunde k\u00fcrzer zu sein schienen! Die unangenehme Langsamkeit muss durch die Kunst des Dirigenten, durch einen sch\u00f6nen Spannungsbogen aufrecht zu erhalten, vermieden werden.<br \/>\nEin gutes Vorbild ist die sch\u00f6ne Auff\u00fchrung von Karajan mit den Berliner Philharmonikern, die nie unangenehm langsam klingt. Aber wenn man dann die Spanne des Vorspiels zeitlich bestimmt, dann scheint es eine der langsamsten Auff\u00fchrungen zu sein.<br \/>\nUm dieses Zeitlose noch mehr zu betonen, l\u00e4sst Wagner im Vorspiel verschiedene Metren gleichzeitig spielen. Das Hauptthema des Liebesmahls wird in einem 4\/4-Takt gespielt (sehr langsam) und ein Teil des Orchesters spielt gleichzeitig in einer 6\/4-Taktart, wodurch dieses Zeitgef\u00fchl noch extra diffus wird und man sich in einem zeitlosen Raum w\u00e4hnt.<\/p>\n<div><img decoding=\"async\" style=\"display: block; margin-left: auto; margin-right: auto;\" src=\"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/19AB819B-9AC3-4666-98E1-7460266A3B1C.jpg\" alt=\"19AB819B-9AC3-4666-98E1-7460266A3B1C\" \/><\/div>\n<div style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Parsifal auf dem Weg zur Gralsburg<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/span><\/div>\n<p>Parsifal kommt hier also, wie bereits gesagt, unerwartet und unvorbereitet zu einer Imagination, die er absolut nicht deuten kann. Er hat diese Bilder nicht verstanden, weil er noch nicht zur Inspiration und schlussendlich durch Mitleid zu einer v\u00f6lligen Vereinigung mit Amfortas` Leiden (Intuition) kommen kann. Er wird dann auch wieder aus der Gralsburg verjagt. (Sowie das auch in der Erz\u00e4hlung von Chretien de Troyes und Wolfgang von Eschenbach geschieht.) Er muss einen sehr m\u00fchsamen Leidensweg gehen, bis er gen\u00fcgend Lebensweisheit hat, um die Gralsburg bewusst wieder finden zu k\u00f6nnen. Dies wird musikalisch ausgedr\u00fcckt in dem Pr\u00e4ludium des dritten Aktes. Nach dem Verlangsamen und Zerstreuen des Metrums gebraucht Wagner meines Erachtens nach einen dritten Aspekt, der diesen \u00dcbergang zum Raum bewirkt. Eine \u201anormale\u2018 Melodie beginnt in einer bestimmten Tonart und endet sp\u00e4ter wieder in derselben Tonart. In einer solchen Melodie werden die 7 T\u00f6ne der Tonleiter verwendet. Siebenfaltigkeit ist verwandt mit der Zeit. Bei Wagner ist das durch die andauernden und oft \u00fcberraschenden Modulationen und die Chromatik nicht mehr der Fall, wodurch die Musik sich in der Zw\u00f6lffaltigkeit der verschiedenen Tonarten abspielt. Zw\u00f6lffaltigkeit hat mit dem Raum zu tun. Also auch hier geht er durch seine spezifische Kompositionstechnik von Zeit zu Raum. Wagner war sich bewusst, dass jede Tonart mit einer bestimmten Gef\u00fchlsstimmung zusammenh\u00e4ngt. Das war auch bereits bei Bach und mehreren Komponisten der Romantik bekannt, aber wurde mehr benutzt, um eine spezifische Tonart f\u00fcr ein ganzes Werk zu w\u00e4hlen. (Dieses Wissen ist bei heutigen Komponisten verloren gegangen.) Er wird immer eine bestimmte Tonart w\u00e4hlen, weil diese zu einer bestimmten Situation passt und muss dadurch andauernd modulieren. Er geht hierin selbst so weit, dass er auf ein bestimmtes Wort im Text die Tonart ver\u00e4ndert, weil dieses Wort einen Wechsel nach einer anderen Gef\u00fchlstimmung verlangt. Manchmal ver\u00e4ndert er zu einer unharmonischen Tonart, die klanglich (auf dem Klavier) gleich klingt, aber doch auf eine Transfiguration oder Metamorphose des Gegebenen deutet, dass dieses Gegebene durch ein anderes Licht beschrieben wird.<br \/>\nEine wundervolle Einf\u00fchrung zu Parsifal ist die CD des Pianisten Stefan Mickisch, der diese Zw\u00f6lffaltigkeit der Tonarten und ihre gegenseitige Verwandtschaft veranschaulicht. Sehr zu empfehlen!<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Des Weiteren hab ich mich immer gefragt, warum in den Erz\u00e4hlungen von Chretien und Eschenbach das Bild des Grals und der blutenden Lanze in der Gralsburg verwendet wird. Bei Wagner dagegen ist dieses Sinnbild vollst\u00e4ndig ver\u00e4ndert. Bei ihm kann wegen der Sinnlichkeit von Amfortas der Speer durch Klingsor gefasst werden und er verwundet Amfortas hiermit. Parsifal wird ihn schlie\u00dflich zur\u00fcckgewinnen und Gral und Speer vereinigen und dadurch die Wunde von Amfortas heilen. Der Gral wird mit dem Weiblichen (Passiven) und der Speer mit dem M\u00e4nnlichen (Aktiven) assoziiert. In unserem gew\u00f6hnlichen Bewusstsein sind wir in einer Welt von Polarit\u00e4ten: Geist-Materie, m\u00e4nnlich-weiblich, Subjekt-Objekt und hier auch Speer und Gral, die immer geschieden sind. In der Philosophie der Freiheit ist eine vergleichbare Gegen\u00fcberstellung von Wahrnehmung und Begriff enthalten, die allein im menschlichen Geist auf einer h\u00f6heren Ebene zusammengebracht werden kann, um diese Spaltung von Mensch und Welt zu \u00fcberbr\u00fccken. Parsifal gelingt es, in dem Gebiet der Gralsburg, die in der Imagination-Inspiration-Intuition gefunden werden kann, diese Polarit\u00e4t von Gral und Speer zu vereinigen und so Amfortas zu heilen von seiner Qual. Parsifal wird der neue Gralsk\u00f6nig als rechtm\u00e4\u00dfiger Nachfolger.<br \/>\nEin fixes Thema in den meisten von Wagners Opern ist die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis zwischen m\u00e4nnlich und weiblich, zwischen erotischer Liebe und ideeller Liebe: Venusberg und Elisabeth im Tannh\u00e4user, Brunhilde und Siegfried im Ring, Tristan und Isolde, wo die Vereinigung im Transzendenten gesucht wird, in der Nacht und dem Tod (Hymnen an die Nacht \u2013 Novalis) und schlie\u00dflich Parsifal und Kundry. Amfortas verf\u00e4llt der Sinnlichkeit. Parsifal kann der Versuchung widerstehen, weil er durch Kundrys Kuss pl\u00f6tzlich das Lei- den von Amfortas versteht. (Durch Mitleid wissend). Das Leiden, dass er davor in der Gralsburg nicht deuten konnte. In Wagners viktorianischer Zeit war das Erotische und im mehr allgemeinen Sinn das Sinnliche eine starke Verlockung, wodurch man nicht mehr zu den Erkenntniskr\u00e4ften der Gralsburg durchsto\u00dfen konnte. Es gibt eine zeitgen\u00f6ssische Regie, die doch den Geist von Wagner respektiert. (Eine DVD mit der Staatskapelle Berlin mit dem Dirigent Daniel Barenboim in einer Regie von Harry Kupfer) Die Blumenm\u00e4dchen werden hier eingetauscht durch TV-Monitore, die Bilder von sch\u00f6nen M\u00e4dchen zeigen. Diese Ersatz-Imaginationen sind heute noch eine gr\u00f6\u00dfere Verlockung, um sich passiv mit virtuellen Bildern von au\u00dferhalb volllaufen zu lassen, das Verm\u00f6gen vernichtend, um innerlich aktiv Bilder zu formen und also die Imagination zu entwickeln, um dann in einer \u00fcberpers\u00f6nlichen Sph\u00e4re den Speer und den Gral vereinigen zu k\u00f6nnen. Das ist eine der wenigen sinnvollen heutigen Regien. Die meisten anderen sind eine \u201aTorheit\u2018 des Regisseurs, die die Intension und den Tiefgang von Wagner v\u00f6llig negieren.<br \/>\nEine der absurdesten ist eine Regie, wo \u201aRaum wird hier die Zeit\u2018 buchst\u00e4blich genommen wird und eine schwangere Maria Magdalena als Kundry in Szene gebracht wird, vielleicht im Geist des Da Vinci Codes?<br \/>\nEine der seelent\u00f6tendsten ist die Regie von Schlingensief in Bayreuth, wo die Auferstehungskraft des Grals in einem durch W\u00fcrmer zerfressenen Osterhasen gesucht wird.<br \/>\nWirklich eine Anti-Gral Regie und das in Bayreuth, damals noch unter der Leitung des Enkels von Wagner.<\/p>\n<p>Eine letzte \u00dcberlegung ist die Bedeutung des letzten Satzes im Parsifal: Erl\u00f6sung dem Erl\u00f6ser Wird hier Parsifal erl\u00f6st oder Christus. Vielleicht beide? Es klingt auch mehr wie ein Aufruf, eine M\u00f6glichkeit in der Zukunft, die ersehnt wird, und die in Freiheit ergriffen werden kann.<br \/>\nEine Antwort auf diese Frage kann vielleicht gefunden werden in einem Spruch von R. Steiner:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">So lange du den Schmerz erf\u00fchlest,<br \/>\nDer mich meidet,<br \/>\nIst Christus unerkannt<br \/>\nIm Weltenwesen wirkend;<br \/>\nDenn schwach nur bleibt der Geist,<br \/>\nWenn er allein im eignen<br \/>\nLeibe Des Leidesf\u00fchlens m\u00e4chtig ist.<\/p>\n<p>Solange wir nur unseren eigenen Schmerz f\u00fchlen, muss\u00a0Christus den Schmerz der Welt tragen.<br \/>\nDurch uns in Freiheit und voller Willen im Denken, strebend zu der Gralsburg zu erheben, nehmen wir einen Teil Seines Leidens auf uns und erl\u00f6sen wir Ihn und die Welt.<\/p>\n<div><img decoding=\"async\" style=\"display: block; margin-left: auto; margin-right: auto;\" src=\"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/FFA4B4EB-0911-42D2-806B-002E8CB9985F.jpg\" alt=\"FFA4B4EB-0911-42D2-806B-002E8CB9985F\" width=\"590\" height=\"444\" \/><\/div>\n<div style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Durch Mitleid wissend, der reine Tor.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Harre sein, den ich erkor&#8216;.<\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeit wird zum Raum. 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