{"id":3646,"date":"2016-02-01T00:00:00","date_gmt":"2016-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/ein-verhaeltnis-zum-letzten-abendmahl-von-leonardo-da-vinci\/"},"modified":"2025-06-22T16:36:00","modified_gmt":"2025-06-22T14:36:00","slug":"ein-verhaeltnis-zum-letzten-abendmahl-von-leonardo-da-vinci","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/de\/ein-verhaeltnis-zum-letzten-abendmahl-von-leonardo-da-vinci\/","title":{"rendered":"Ein Verh\u00e4ltnis zum \u201cLetzten Abendmahl\u201d von Leonardo da Vinci"},"content":{"rendered":"<p>Einen Tag nach Nikolaus 2015 erhielt ich vom Freundeskreis die Frage, ob ich f\u00fcr den folgenden Rundbrief nicht einen Artikel \u00fcber \u201eDas letzte Abendmahl\u201c von Leonardo da Vinci schreiben wollen w\u00fcrde, weil ich, wie mir gesagt wurde, \u201eeine Affinit\u00e4t dazu habe\u201c. Und, ja, ziemlich viele Menschen wissen, dass da in gewissem Sinne etwas dran ist. Aber dies in Worte zu fassen und dem Papier anzuvertrauen, fand ich nicht so selbstverst\u00e4ndlich. Ich dachte \u00fcber meine Antwort nach; doch letztendlich beschenkte ich mich an einem der letzten Tage des Jahres \u2013 meinem Geburtstag \u2013 selbst, indem ich doch zusagte. Ich w\u00fcrde mich mit diesem Kunstwerk einmal in Bezug auf andere Menschen auseinanderzusetzen versuchen, denn dieser Aspekt war bisher sehr beschr\u00e4nkt geblieben.<\/p>\n<p>Nun ist \u00fcber das Letzte Abendmahl von da Vinci durch sehr viele Fachleute schon mit so viel Expertise geschrieben worden, dass ich mich darauf nicht richten wollte, denn in dieser Welt w\u00fcrde mein Irrlicht sehr irren und wenig Licht geben. \u00dcber das Internet und mit gezielter Literatur kann man sich einen Weg durch den Urwald des Wissenswerten bahnen.<\/p>\n<p>Aber gut, da Vinci malte sein Letztes Abendmahl in den Jahren 1496 bis 1498 in voller Breite auf eine Wand im Refektorium eines Klosters in Mailand. Er war 1452 in Italien (im Dorf Vinci bei Florenz) geboren worden und starb 1519 zu Amboise an der Loire, wo er in der Umgebung des K\u00f6nigs von Frankreich blieb. Er lebte also ganz zu Beginn der Epoche der Bewusstseinsseele (1413-3573).<\/p>\n<p>Auf der Wandmalerei wird eine Szene vom <em>Donnerstag <\/em>der Passionswoche dargestellt, abends w\u00e4hrend des letzten Mahles von Jesus mit seinen Aposteln, das Geschehen, nachdem Jesus die Worte gesprochen hatte: \u201eEiner unter euch wird mich verraten\u201c. Die Malerei dr\u00fcckt die sich nach diesen Worten zeigenden inneren Erlebnisse von Jesus und seinen Begleitern aus. Leonardo da Vinci brachte dies unter anderem mit Hilfe von Farben, Menschentypen, Haltungen, Geb\u00e4rden, Gesichtsausdr\u00fccken, Licht- und Schatteneffekten zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Wor\u00fcber ich etwas schreiben will, das ist das Verh\u00e4ltnis, das ich zu diesem Kunstwerk habe, und wie dieses sich in meinem Leben entwickelte \u2013 durch allerlei Vorf\u00e4lle, Erlebnisse, Betrachtungen und das, was ich damit machte.<\/p>\n<p>Am Montag, den 4. Januar 2016, nahm ich mir vor, die zwei B\u00fccher, die ich \u00fcber das Letzte Abendmahl von da Vince besa\u00df, noch einmal anzuschauen. Das Buch von Michael Ladwein hatte ich vor Jahren quergelesen, und in dem j\u00fcngeren Buch von Ross King hatte ich eigentlich noch fast nichts gelesen. Ich nahm am Morgen das Buch von Michael Ladwein zur Hand, bl\u00e4tterte es durch und begann dann die ellenlange Bibliografie zu \u00fcberfliegen. Irgendwann fiel mein Blick auf einen Vortrag von Rudolf Steiner mit dem Titel \u201eLeonardos geistige Gr\u00f6\u00dfe am Wendepunkt zur neueren Zeit\u201c, gehalten am 13. Februar 1913. Es war noch nicht lange her, dass ich wusste, dass alle Vortr\u00e4ge von Rudolf Steiner im Internet zu finden sind, und diesen wollte ich lesen. Mit meinem W\u00f6rterbuch bei der Hand las ich, eingenommen von der Betrachtungsweise Steiners, diesen Vortrag, den er im Winter jenes Jahres hielt, das dem Ersten Weltkrieg vorausging. Beim Lesen dieses Vortrages entstand eine Stimmung, die das Letzte Abendmahl in eine andere Perspektive stellte als zuvor. Vorher hatte alles einen ziemlich unverbindlichen, ideellen Charakter gehabt, doch beim Lesen dieses Vortrages d\u00e4mmerte eine Art Wirklichkeitsgehalt auf.<\/p>\n<p>Ich wollte dann in den folgenden Tagen f\u00fcr mich selbst alles, was mich einmal in Bezug auf das Letzte Abendmahl von Leonardo besch\u00e4ftigt hatte, in eine \u00dcbersicht bringen, denn das hatte ich noch nie gemacht. Auf diese Weise w\u00fcrde ich einen Eindruck davon bekommen, was ich in dem Aufsatz schreiben k\u00f6nnte. Aber es gelang mir nicht; zwar besch\u00e4ftigte mich alles, aber mehr, um es weiterzuverfolgen, denn es zeigten sich neue Gesichtspunkte und Zusammenh\u00e4nge. So vergingen mehrere Tage \u2013 und dann entschied ich mich, ausschlie\u00dflich etwas \u00fcber mein Verh\u00e4ltnis zum Letzten Abendmahl von da Vinci <em>vor <\/em>diesem 4. Januar zu schreiben, denn sonst w\u00fcrde ich \u00fcberhaupt nicht dazu kommen.<\/p>\n<p>Zuerst will ich noch meinen Standpunkt, von dem aus ich schreibe, verdeutlichen, um keine Missverst\u00e4ndnisse \u00fcber das Folgende entstehen zu lassen. In meinen j\u00fcngeren Jahren notierte ich mir einmal den Ausspruch Steiners, <em>dass man nur auf verstandesm\u00e4\u00dfigem Weg vorbereiten kann, was auf geisteswissenschaftlichem Weg gefunden werden muss, und dass diese verstandesm\u00e4\u00dfige Vorbereitung eine innere Seelenaktivit\u00e4t ist, die ihre Tragweite nicht falsch einsch\u00e4tzen darf; sie darf nicht etwas zeigen\/beweisen wollen, sondern nur die Seele \u00fcben. <\/em>Dies will ich ausdr\u00fccklich als Ausgangspunkt f\u00fcr alles Folgende nehmen, zusammen mit einer Art positiv eingestelltem Dilettantismus, einem Liebhabertum, nach bestem Verm\u00f6gen. Im Grunde ist hiermit wahrscheinlich das Wichtigste des ganzen Artikels angegeben.<\/p>\n<p>Meine erste Bekanntschaft mit dem Letzten Abendmahl von Leonardo fand vor einem halben Menschenleben statt, nachdem ich ein Buch gekauft hatte, in dem Goethes \u201eM\u00e4rchen von der gr\u00fcnen Schlange und der sch\u00f6nen Lilie\u201c stand, zusammen mit zwei Vortr\u00e4gen Rudolf Steiner hier\u00fcber, einem exoterischen und einem esoterischen.\u00b9 Das M\u00e4rchen an sich war mir eine sehr undeutliche Erz\u00e4hlung, aber die beiden Vortr\u00e4ge von Rudolf Steiner verdeutlichten doch einiges. Diese Art Verh\u00e4ltnis (Verdeutlichung\/Undeutlichkeit) hat sich sp\u00e4ter in meinem Leben auch beim Lesen der Evangelien und Steiners Vortr\u00e4gen hier\u00fcber wiederum nachdr\u00fccklich gezeigt.<\/p>\n<p>Nun kommt in dem exoterischen Vortrag \u00fcber das M\u00e4rchen das Letzte Abendmahl von da Vinci zur Sprache. Meine Frau Gerda wusste, dass sich eine gro\u00dfartige, wandgro\u00dfe Kopie auf Leinwand in der Pr\u00e4monstratenser-Abtei Tongerlo\u00b2 befand (etwa zwanzig Kilometer von uns entfernt), in einem speziell hierf\u00fcr gebauten Museum. Die Ma\u00dfe des rechteckigen Grundrisses dieses Museums stimmen mit dem Refektorium in Mailand \u00fcberein, und die Replik bedeckt wie in Mailand eine volle Schmalseite. Die Malerei wurde wahrscheinlich im Jahr 1507 von Sch\u00fclern Leonardos angefertigt. Wir haben das Gem\u00e4lde dann besichtigt, aber ich darf nicht sagen, dass es einen gro\u00dfen Eindruck auf mich machte, wahrscheinlich, weil Malereien im allgemeinen mich nicht sehr anzogen und auch weil biblische Themen damals in meinem Leben \u00fcberhaupt nicht an der Reihe waren. Unterdessen will ich anmerken, dass die Pr\u00e4- monstratenser nach den Ordensregeln des Augustinus leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><img decoding=\"async\" style=\"float: left;\" src=\"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Abendmahl.jpg\" alt=\"Abendmahl\" width=\"100%\" \/><br \/>\nDas Letzte Abendmahl in der Pr\u00e4monstratenser-Abtei Tongerlo (Belgien) <\/em><\/p>\n<p>Die Jahre, die folgten (etwa zwanzig), spielte das Letzte Abendmahl von Leonardo keine besondere Rolle in meinem Leben, dennoch war es so, dass ich, wenn ich irgendwo eine Abbildung sah, ihr sehr wohl meine Aufmerksamkeit schenkte. Im Laufe der Jahre begegnete ich solchen in Gestalt einer Malerei, einer Zeichnung, in getriebener Metallarbeit, als Holzschnitt und als einem Relief in Marmor und in Holz, und in dem einen oder anderen Buch oder einer Zeitschrift sah ich Fotos dieser Nachbildungen. Jedoch habe ich nie nach Abbildungen im Internet gesucht, als dies m\u00f6glich wurde.<\/p>\n<p>Ein Gedanke, der in mir lebte, wenn ich wieder einmal eine <em>Kopie <\/em>sah, war die Frage, was denn dazu f\u00fchrte, dass all diese Nachbildungen, die aus so vielen verschiedenen Materialien und Gestaltungen bestanden, f\u00fcr Menschen und also auch f\u00fcr mich etwas Wiederkennbares ausdr\u00fcckten. Man k\u00f6nnte zum Beispiel auch fragen: Warum sind alle sichtbaren H\u00e4user <em>Haus<\/em>? Dies war ohne die Existenz einer Seele doch nicht zu erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>Nun hatte ich k\u00fcrzlich den Vortrag noch einmal gelesen, den Mieke in der Waldorfschule in Turnhout gehalten hatte. Im zweiten Teil (Rundbrief Nr. 6) behandelt sie Rudolf Steiners Sinneslehre. Was da \u00fcber den Gedankensinn\/Begriffssinn und auch den Ich-Sinn steht, sagt viel \u00fcber meinen oben genannten Gedanken; auch dass man mit dem Auge eigentlich Farben wahrnimmt, Formen jedoch mit dem Bewegungssinn, ist beim <em>Sehen <\/em>von Leonardos Letztem Abendmahls sehr wichtig.<\/p>\n<p>Der Hype des Jahres 2003 um das Buch \u201eDer Da Vinci Code\u201c von Dan Brown ging an mir v\u00f6llig vorbei. Gerda las es, aber ich hatte daf\u00fcr wenig Interesse.<\/p>\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter erschien in dem Dorf, in dem ich wohne, \u00fcber dem Ausgang der Kirche eine meterhohe farbige College von Leonardos Letztem Abendmahl. 2007 gab es dann in Br\u00fcssel eine gro\u00dfe Ausstellung zu Leonardo da Vinci (The European Genius), die ich mit Gerda besuchte. Ich erinnere mich, dass die Ausstellung einen ungeheuren Ansturm hatte, und dass es sehr viel zu sehen gab, woran ich auch mehr oder weniger \u00fcberall vorbeigegangen bin. Es war nat\u00fcrlich auch eine Fotokopie des Letzten Abendmahls zu sehen, sogar in Originalgr\u00f6\u00dfe, aber die Umst\u00e4nde im Museum von Tongerlo bei den Priestern waren doch um Einiges g\u00fcnstiger.<\/p>\n<p>Ich vermute, dass die Kollage in der Kirche von Begijnendijk der Anlass war, das Buch mit Goethes \u201eM\u00e4rchen\u201c und den zwei Vortr\u00e4gen von Rudolf Steiner noch einmal zur Hand zu nehmen. Beim Lesen des exoterischen Vortrages bekam ich sehr stark den Eindruck, dass Rudolf Steiner das Letzte Abendmahl von da Vinci aus einem noch ganz anderen Grund zur Sprache brachte, als er ihn dort erw\u00e4hnte. Nun renne ich vielleicht offene T\u00fcren ein, aber f\u00fcr mich war es ein Erlebnis, dass Rudolf Steiner die vier K\u00f6nige im M\u00e4rchen verdeutlichte und ich eine Verbindung zu einer bestimmten Gruppe von Aposteln ahnte.<\/p>\n<p>Wichtig bei einer Besprechung der Apostel in Leonardos Letztem Abendmahl ist, dass man, wenn man von Aposteln links oder rechts von Jesus spricht, erw\u00e4hnen muss, von welchem Standpunkt aus man dies tut: Vom Standpunkt Jesu oder vom Standpunkt des Betrachters. Im weiteren Verlauf des Textes wird stets der Standpunkt des Betrachters (des weltlichen Menschen) eingenommen.<\/p>\n<p>Die \u00e4u\u00dferste linke Gruppe der Apostel sind dann die Willens-Apostel, von links nach rechts: Bartholom\u00e4us, Jakobus der J\u00fcngere und Andreas; die Gruppe der Apostel unmittelbar rechts von Jesus sind dann die Gef\u00fchls-Apostel, von links nach rechts: Jakobus der \u00c4ltere, Thomas und Philippus (die linke Hand von Thomas ist auf der Tafel zwischen Jakobus d.\u00c4. und Philippus zu sehen, sein Platz ist also zwischen ihnen); die Gruppe der Apostel ganz rechts ist dann die der Denk-Apostel, von links nach rechts: Matth\u00e4us, Judas Thadd\u00e4us und Simon der Zelot; die Gruppe unmittelbar links von Jesus ist dann die gemischte Gruppe, von links nach rechts: Petrus als Gef\u00fchlsapostel, Judas Iskariot als Willensapostel und Johannes als Denkapostel. Jesus sitzt als Dreizehnter in der Mitte der Apostel, zwei Gruppen links und zwei Gruppen rechts von Ihm. Wenn man die gemischte Gruppe getrennt betrachtet und die \u00fcbrigen drei Gruppen zusammen nimmt (den Denk-, Gef\u00fchls- und Willensk\u00f6nig), dann ist Thomas der mittlere dieser (3&#215;3) Apostel. Also Jesus inmitten der (4&#215;3) Apostel und Thomas inmitten der (3&#215;3) Apostel. K\u00f6nnte dies ein Grund sein, warum Thomas im Johannesevangelium (Joh 11,16) den Beinamen Didymus (Zwilling) bekommt, weil er wie Jesus eine Mitte repr\u00e4sentiert, und warum Leonardo ihn mit seinem Gesicht am n\u00e4chsten bei Jesus malt, n\u00e4her als Jakobus d.\u00c4., der neben Jesus sitzt?<\/p>\n<p>Weiter ist es Judas Iskariot, der den mittleren Platz in der gemischten Gruppe einnimmt, aber hier mit seinem Gesicht doch am weitesten von Jesus entfernt ist, weiter als Petrus, der hinter ihm sitzt.<\/p>\n<p><em>Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,<br \/>\nDie eine will sich von der andern trennen;<br \/>\nDie eine h\u00e4lt, in derber Liebeslust,<br \/>\nSich an die Welt mit klammernden Organen;<br \/>\nDie andre hebt gewaltsam sich vom Dust<br \/>\nZu den Gefilden hoher Ahnen. <\/em><\/p>\n<p>Goethe dr\u00fcckt hier in dichterischer Form eine Seelenwirklichkeit aus, die unserem Menschsein zugrunde liegt. Hier schlie\u00dft Rudolf Steiner mit der Thematik an, die er in den zwei Vortr\u00e4gen \u00fcber das \u201eM\u00e4rchen\u201c bespricht und die er auch in Zusammenhang mit Schillers Briefen \u00fcber \u201eDie \u00e4sthetische Erziehung des Menschengeschlechts\u201c bringt. Es ist die Thematik des niederen und des h\u00f6heren Seelenmenschen und der Verbindung zwischen beiden. Das Ergebnis wird pr\u00e4gnant ausgedr\u00fcckt in Goethes Worten:<\/p>\n<p><em>So lang du das nicht hast, dieses: Stirb und Werde!<br \/>\nbist du nur ein tr\u00fcber Gast auf der dunklen Erde. <\/em><\/p>\n<p>Der niedere Seelenmensch mit seinen weltlichen Verbindungen muss zu einem Sterben und Neugeborenwerden kommen, und von hier aus zu einer geistigen Verbundenheit.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte vermuten, dass Leonardos Letztes Abendmahl eine \u00dcbersicht dessen gibt. Man k\u00f6nnte sich die Apostel als differenzierte Seelenwirksamkeiten des Menschen vorstellen. K\u00f6nnte man hiermit nicht auch die Frage verbunden sehen, mit der das erste Kapitel der \u201ePhilosophie der Freiheit\u201c beginnt?<\/p>\n<p>\u201eIst der Mensch in seinem Denken und Handeln ein geistig <em>freies <\/em>Wesen oder steht er unter dem Zwange einer rein naturgesetzlichen ehernen Notwendigkeit?\u201c<\/p>\n<p>Es war die Zeit, als ich Mieke Mosmuller und ihr Werk kennenlernte, und ich hatte bei einem ihrer Vortr\u00e4ge das Gef\u00fchl, dass sie indirekt \u00fcber die Verbindung zwischen den Aposteln und Jesus in Leonardos Letztem Abendmahl sprach. Ich habe das damals mal erw\u00e4hnt, hatte dann aber das Gef\u00fchl, das mich auch jetzt w\u00e4hrend des Schreibens dieses Artikels ziemlich begleitet, n\u00e4mlich als w\u00fcrde ich ein aus Rauch geformtes Bild zu greifen versuchen.<\/p>\n<p>2008 gab Mieke das niederl\u00e4ndische Buch \u201eWarum soll ich meditieren?\u201c heraus. Darin steht am Ende ein Kapitel \u00fcber \u201eDie Liebe\u201c. Wenn man dies mit dem Letzten Abendmahl vor Augen liest, kann man sprachlos davor stehen, dass <em>Tinte auf Papier <\/em>so viel \u00dcbereinstimmung mit <em>Malerei <\/em>zeigen kann, und auf einmal wurde hier auch eine Differenzierung in den Seelenwirksamkeiten der (3&#215;3) Apostel angedeutet. Das Kapitel endet wie folgt:<\/p>\n<p>\u201eDer Liebes-Mensch hat so ein <em>Denken<\/em>, das aus Andacht, Gro\u00dfmut und Wohlwollen geformt ist. Das <em>F\u00fchlen <\/em>gl\u00fcht von Freude, Idealismus und Romantik. Der <em>Wille <\/em>pulsiert von Mut, Sympathie und Interesse. In diesen neun Qualit\u00e4ten lebt der h\u00f6here Mensch als deren <em>Quelle<\/em>, erscheint hierin und sch\u00f6pft aus moralischer Intuition, Phantasie und Fertigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Die gemischte Gruppe der Apostel k\u00f6nnte dann als das \u201eIch\u201c gesehen werden, darin der nach dem H\u00f6chsten strebende Johannes, der von Christus selbst Eingeweihte, und bei ihm die Abirrungen im Ich, die Verleugnung und der Verrat.<\/p>\n<p>Kann man die Dreiheit von moralischer Intuition, moralischer Phantasie und moralischer Fertigkeit nicht in den drei \u00d6ffnungen der hinteren Wand des Raumes, in dem Jesus und die Apostel am Tisch sitzen, dargestellt sehen, die den Blick auf eine helle Umgebung freigeben&#8230;?<\/p>\n<p>Vor Jahren hatte ich, wahrscheinlich im Anschluss an Rudolf Steiners Vortr\u00e4ge \u00fcber das Matth\u00e4us-Evangelium, einmal ein Buch gekauft, in dem ein Vortrag Steiners \u00fcber das Vaterunser stand.\u00b3 Dieses las ich nun wiederum, und es schien, als ob man durch Rudolf Steiners Betrachtungsweise im Letzten Abendmahl von Leonardo <em>ein gemaltes Vaterunser <\/em>vor Augen h\u00e4tte. Steiner bringt in diesem Vortrag die \u00dcbereinstimmung zwischen den vier Bitten des Vaterunser \u2013 Gib uns&#8230;, Vergib uns&#8230;, F\u00fchre uns&#8230;, Erl\u00f6se uns&#8230; \u2013 und den vier leiblichen Aspekten des Menschen \u2013 physischer Leib, \u00c4therleib, Astralleib, Ich-Leib \u2013 zur Sprache. Dies kann man in Leonardos Letztem Abendmahl dann mit den Willens-, Gef\u00fchls-, Denk-Aposteln und der gemischten Gruppe verbinden. Die drei Bitten des Vaterunser: Dein Name&#8230;, Dein Reich&#8230;, Dein Wille&#8230; werden im Vortrag in Verbindung mit Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch gebracht. Im Letzten Abendmahl kann man diese von den drei \u00d6ffnungen zur Au\u00dfenwelt dargestellt sehen; diese helle Umgebung kann man dann als Darstellung des \u201eVater unser in den Himmeln\u201c erleben.<\/p>\n<p>Auch wenn man den ersten Teil des Prologs des Johannes-Evangeliums liest (Joh 1,1-5), kann man darin, unter anderem durch den rhythmischen Aufbau, eine makrokosmische \u00dcbereinstimmung mit dem (mikrokosmischen) Vaterunser ahnen \u2013 und also auch mit Leonardos Letztem Abendmahl.<\/p>\n<p>Leonardo malte das Letzte Abendmahl \u00fcber die volle Breite einer Wand des Refektoriums im Dominikanerkloster Santa Maria delle Grazie in Mailand. Der Saal hatte, wie schon erw\u00e4hnt, einen rechteckigen Grundriss, und die Malerei bedeckte eine Schmalseite. Sie zeigt einen perspektivischen Raum, bei dem man das Gef\u00fchl haben kann, dass er w\u00fcrfelf\u00f6rmig ist, unter anderem durch den viereckigen Eindruck der R\u00fcckwand. Leonardo hat sich keine M\u00fche gegeben, den Eindruck (\u201etrompe-l\u2019oeil\u201c) zu erwecken, dass der gemalte Raum in den Raum des Refektoriums \u00fcbergehen w\u00fcrde. Nach hinten ist, wie bereits besprochen, durch \u00d6ffnungen in der Wand eine helle Umgebung zu sehen. Man kann als Zuschauer also drei hintereinander gelegene R\u00e4ume erleben, jeder mit einem eigenen Charakter:<\/p>\n<p>1) den realen Raum des Refektoriums, in dem man sich als Zuschauer leiblich befindet.<br \/>\n2) den gemalten Innenraum des Geschehens des Letzten Abendmahls.<br \/>\n3) den gemalten hellen Au\u00dfenraum dahinter.<\/p>\n<p>Nun war es f\u00fcr mich ein Erlebnis, vor mehr als f\u00fcnf Jahren, dass diese drei hintereinander gelegenen R\u00e4ume irgendwann einen Zusammenhang gewannen mit: <em>Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit, Freiheit. <\/em><\/p>\n<p>Auch wenn die Franz\u00f6sische Revolution noch fast drei Jahrhunderte entfernt war \u2013 kann es damals in der Seele von Leonardo da Vinci schon eine Wirksamkeit gegeben haben, die damit in Zusammenhang stand? Seitdem habe ich manchmal Menschen eine Postkarte mit dem Letzten Abendmahl gegeben und dies dann kurz zur Sprache gebracht.<\/p>\n<p>Im letzten Jahr war ich dann im Sommer einige Zeit in Amboise, wo Leonardo gestorben ist. Wenn man dann etwas \u00fcber das Interesse der Franzosen f\u00fcr Leonardo zu seinen Lebzeiten und auch nach seinem Tod liest, und dar\u00fcber, wie die franz\u00f6sischen K\u00f6nige bei ihren Eroberungskriegen in Italien daran dachten, die Wandmalerei des Letzten Abendmahls nach Frankreich zu bringen, und nur wegen der un\u00fcberwindlichen technischen Probleme letztendlich davon absahen, dann kann man sich fragen, was die Verbindung zwischen Leonardo da Vinci und Frankreich war. Sogar heute noch kann man in Amboise, durch alle Modernit\u00e4t, den Kommerz und den Tourismus hindurch, ein Band zwischen den Franzosen und Leonardo empfinden \u2013 oder spielt in diesem Gef\u00fchl vielleicht zu viel Subjektivit\u00e4t mit? Und doch, wenn man Schloss Clos Luc\u00e9 in Amboise betritt, wo Leonardo auf Einladung des jungen franz\u00f6sischen K\u00f6nigs Fran\u00e7ois I, der selbst dort in Amboise an der Loire seine k\u00f6niglichen Pal\u00e4ste hatte, die letzten drei Jahre bis zu seinem Tod verbrachte, und man sich an einem sonnigen Tag auf dem hellen Innenplatz befindet, mit seinen zwei hohen Pinien in der Mitte, die eine etwas \u00e4lter als die andere, dann scheinen da der alte Leonardo da Vinci und der junge K\u00f6nig Fran\u00e7ois I <em>br\u00fcderlich <\/em>nebeneinander zu stehen.<\/p>\n<p>Leonardo da Vinci ist auch der einzige gro\u00dfe italienische K\u00fcnstler, der in einem fremden Land begraben ist.<\/p>\n<p>Die drei aufeinanderfolgenden R\u00e4ume, die ich also mit der Losung der Franz\u00f6sischen Revolution in Verbindung sah, erlebte ich nach einiger Zeit auch als die unserem Menschsein zugrundeliegende Dreiheit von <em>Leib, Seele und Geist<\/em>. Es ist die Dreiheit, von der im Lauf der Zeiten zuerst der Geist und dann die Seele geleugnet wurde und von der der menschliche Leib letztendlich zu einer blo\u00df materialistischen Vorstellung reduziert wurde. Dennoch kann man diese Ur-Dreiheit von Leib, Seele und Geist als <em>eine Wirklichkeit <\/em>erleben und k\u00f6nnen sich daran andere menschliche Dreiheiten anschlie\u00dfen, die auch in drei bewusst aufeinanderfolgenden R\u00e4umen erlebt werden k\u00f6nnen:<\/p>\n<ul>\n<li>Johannes der T\u00e4ufer, Jesus, Christus<\/li>\n<li>Erdensohn, Menschensohn, Gottesssohn<\/li>\n<li>Altes Testament, Neues Testament, K\u00f6nigreich der Himmel<\/li>\n<li>Unbewusste Unfreiheit, bewusste Unfreiheit, Freiheit<\/li>\n<li>Das \u00c4u\u00dfere, das Innere, das Innerste<\/li>\n<li>Rechtsleben, Wirtschaftsleben, Geistesleben<\/li>\n<li>Was sagt man? Wie sagt man es? Wer sagt es?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich habe einmal irgendwo eine Betrachtung \u00fcber den Davidstern gelesen, den man in Zusammenhang mit den drei angedeuteten R\u00e4umen bringen kann. Ein Davidstern kann n\u00e4mlich als zwei aufeinandergelegte gleichseitige Dreiecke betrachtet werden. Das Dreieck mit der horizontalen Seite oben wurde mit dem Geist in Zusammenhang gebracht, der sich \u00fcber das Gebiet der Seele zur Erde (untere Spitze) neigt; f\u00fcr das Dreieck mit der horizontalen Seite unten war die Rede vom Menschen, der vom Leib aus \u00fcber Seelenerlebnisse zum Geist (obere Spitze) strebt. Der Davidstern stellt dann das Sich-Durchdringen beider Str\u00f6mungen dar (vgl. die Str\u00f6mungen vom Weinstock zur Ranke und von der Ranke zum Weinstock). Betrachtet man den Davidstern horizontal gelegen, kann man ihn in \u00dcbereinstimmung mit den drei hintereinander liegenden R\u00e4umen sehen. Sowohl bei dem Davidstern als auch bei den drei R\u00e4umen ist zentral sehr stark Jesus-Christus\/ChristusJesus anwesend.<\/p>\n<p>Weiter kann man vielleicht den geistigen Raum als das Gebiet betrachten, in dem der Vater wirksam <em>ist<\/em>; den Seelenraum als das Gebiet, in dem sich der Sohn <em>verwesentlicht<\/em>; den Leibesraum als das Gebiet, in dem der Heilige Geist zur <em>Erscheinung <\/em>kommt.<\/p>\n<p>Eine m\u00f6gliche Betrachtung ist auch, in der weiteren Umgebung des Letzten Abendmahls die nat\u00fcrliche Umgebung von Mailand als das <em>irdische Paradies<\/em>, die Stadt Mailand als die <em>Welt des S\u00fcndenfalls<\/em>, das Kloster als den <em>Ort des zur Einkehr gekommenen Menschen <\/em>und das Refektorium im Kloster als den <em>Einweihungsplatz zum Reich der Himmel <\/em>zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><img decoding=\"async\" style=\"display: block; margin-left: auto; margin-right: auto;\" src=\"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Leonardo.jpg\" alt=\"Leonardo\" \/>Leonardo da Vinci <\/em><\/p>\n<p>Wenn man den gemalten Innenraum des Letzten Abendmahls von Leonardo f\u00fcr sich betrachtet, ohne die Anwesenheit von Jesus und den Aposteln, nur mit einer ungedeckten Tafel, dann dr\u00e4ngen sich stark die Zahlen 1, 3 und 4 auf. Ich habe bereits erw\u00e4hnt, dass dieser gemalte Raum einen kubusf\u00f6rmigen Eindruck gibt. In den drei gemalten W\u00e4nden (links, rechts und hinten) sind jeweils drei \u00d6ffnungen zu sehen; wohin sich die \u00d6ffnungen der Seitenw\u00e4nde \u00f6ffnen und was ihre Funktion ist, ist undeutlich. Man k\u00f6nnte jeden der (3&#215;3) Apostel mit einer \u00d6ffnung in Zusammenhang bringen. Die dem Betrachter zugewandte Seite des Innenraums erscheint v\u00f6llig offen und kann mit der gemischten Gruppe der Apostel in Zusammenhang gebracht werden. Wenn man diese Seite ebenfalls als geschlossen betrachten w\u00fcrde, mit drei \u00d6ffnungen, dann kommt man zu einer Umwandung des kubusf\u00f6rmigen Raumes mit (4&#215;3) \u00d6ffnungen. Hier k\u00f6nnte man dann eine Verwandtschaft mit der Beschreibung der Stadtmauer des Neuen Jerusalems am Ende der Johannes-Apokalypse (Apok 21,9ff) erahnen.<\/p>\n<p>Die Zahl vertikaler Mauerstreifen neben und zwischen den \u00d6ffnungen in einer Wand ist bei drei \u00d6ffnungen jedes Mal vier. Auf den Seitenw\u00e4nden scheint dies durch die Wandteppiche betont zu werden. Die durchgehenden horizontalen Wandabschnitte \u00fcber den vertikalen Teilst\u00fccken verbinden diese untereinander. Vielleicht kann man darin zusammenh\u00e4ngende vierf\u00e4ltige Aspekte des Menschen sehen, wie:<\/p>\n<ul>\n<li>Physischer Leib, \u00c4therleib, Astralleib, Ich-Leib<\/li>\n<li>Abraham, David\/Salomo, Jechonja\/Sealtiel, Jesus<\/li>\n<li>Alter Saturn, Alte Sonne, Alter Mond, Erde<\/li>\n<li>Feuer, Luft, Wasser, Erde<\/li>\n<li>W\u00e4rme, Gas, Fl\u00fcssigkeit, Festes<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Reihenfolge der Mauerst\u00fccke f\u00fcr die R\u00fcckwand ist dann: &#8211; ganz links, dritte von links, ganz rechts, zweite von links. Diese vertikalen Mauerst\u00fccke erscheinen wie die Pfeiler eines zu tragenden Massivs. Das letzte Mauerst\u00fcck, das dem Ich-Leib entspricht und sich zwischen Jesus und Johannes bzw. der gemischten Gruppe befindet, zeigt sich am deutlichsten!<\/p>\n<p>Auch der Tisch, gest\u00fctzt durch vier Schragen mit drei R\u00e4umen dazwischen, kann auf diese zusammenh\u00e4ngenden vierf\u00e4ltigen leiblichen Aspekte des Menschen deuten. Man kann auch sehen, dass eine starke perspektivische Verbindung zwischen den Wandst\u00fccken und -\u00f6ffnungen der Hinterwand und den Schragen und Zwischenr\u00e4umen besteht. Die mittlere Wand\u00f6ffnung, die eine T\u00fcr\u00f6ffnung zu sein scheint, und der mittlere Raum zwischen den Schragen geh\u00f6ren sehr stark zum Christus-Jesus, und man k\u00f6nnte hier eine besonders starke Verbindung zur Bitte des Vaterunser \u201eDein Reich komme\u201c sehen. Man kann auch das Gef\u00fchl bekommen, dass der perspektivische Verlauf der \u00d6ffnungen in der Hinterwand zu den Zwischenr\u00e4umen der Schragen sich auch oberhalb der Tafel zeigt, jeweils zwischen zwei Gruppen von Aposteln.<\/p>\n<p>Man kann die aufeinanderfolgenden leiblichen Aspekte des Menschen (cf. Mauerst\u00fccke und Schragen) mit Aspekten von Seelenwirksamkeiten im Menschen (cf. die vier Gruppen von Aposteln in der Reihenfolge von Willens-, Gef\u00fchls-, Denkaposteln und gemischter Gruppe) in \u00dcbereinstimmung bringen:<\/p>\n<ul>\n<li>Wollen, F\u00fchlen, Denken, &#8230;<\/li>\n<li>Kaspar?, Myrrhe\/Melchior?, Weihrauch\/Balthasar?, Gold\/Jesus<\/li>\n<li>Markus, Lukas, Johannes, Matth\u00e4us<\/li>\n<li>Wundertaten vollbringen, D\u00e4monen austreiben, Prophezeien, \u00dcbles tun (Mt 7,22f)<\/li>\n<li>Mt 7,7-11; Mt 7,12; Mt 7,13-14; Mt 7,15-20<\/li>\n<\/ul>\n<p>In dieser Weise k\u00f6nnte man auch die vier ersten Romane von Mieke hier anschlie\u00dfen lassen und vielleicht auch die vier <em>Haltungen der Ehrfurcht <\/em>(von Goethe), auf die Mieke im letzten Sommer im Kiental hingewiesen hat.<br \/>\nWenn man zum Beispiel in Safranskis Biographie von Goethe im Kapitel 13 \u00fcber die \u201eHarzreise im Winter\u201c liest, kann man ebenfalls Anschluss an das oben Genannte finden. Am Ende des Kapitels steht: Drei entscheidende Gr\u00fcnde f\u00fcr die Winterreise zum Harz: ein Praktikum f\u00fcr den k\u00fcnftigen Bergbauintendanten, das Abb\u00fc\u00dfen von Schuldgef\u00fchlen bei Wetter und Wind und das Orakel des Brocken: regieren! Und dar\u00fcber hinaus die bezaubernde Farbenpracht am Abend, ein Geschenk an den k\u00fcnftigen Farbentheoretiker (ich w\u00fcrde sagen Farbenpraktiker).<br \/>\nUnd als letztes Beispiel: Die weltweite Meditationsbewegung, begr\u00fcndet durch John Main, der sich auf eine christliche Tradition bezieht, verwendet f\u00fcr ihre Meditationspraxis das mantrische aram\u00e4ische Wort <em>Maranatha<\/em>, das eine Beziehung zum vorletzten Satz der Bibel hat:<em>\u201eAmen, Komm, Herr Jesus\u201c<\/em>(Apok 22,20). Wenn man hier Herr und Jesus vertauschen (zul\u00e4ssig?) oder durch JesusChristus ersetzen w\u00fcrde, dann kann man vielleicht auch hier die Verbindung mit den obenstehenden vier aufeinanderfolgenden Seelenerlebnissen im Menschen ahnen.<\/p>\n<p>Im Zentrum von Leonardos Bild ist Jesus zu sehen, an der Schwelle zu dem Leidensgeschehen, das Er durchmachen wird.<br \/>\nJudas Iskariot, Petrus und Johannes werden dazu jeweils ihr eigenes Verh\u00e4ltnis haben, n\u00e4mlich Verrat, Verleugnung und Treue; die anderen Apostel werden im Hintergrund verschwinden.<br \/>\nJesus wird das <em>\u00e4u\u00dferste Leiden <\/em>durchmachen &#8230; verbunden mit einer <em>inneren Geistwirkung<\/em>, die nicht von dieser Welt ist&#8230;<br \/>\nDas sich opfernde Sterben von Jesus wird zu dem Geborenwerden von Ihm, der in das Seine kam, f\u00fchren \u2013 und hierdurch zu der M\u00f6glichkeit eines neuen Verh\u00e4ltnisses des Menschen zu seiner Innen- und Au\u00dfenwelt.<\/p>\n<p>Ecce homo \u2013 Rudolf Steiner<\/p>\n<p>In dem Herzen webet F\u00fchlen,<br \/>\nIn dem Haupte leuchtet Denken,<br \/>\nIn den Gliedern kraftet Wollen.<br \/>\nWebendes Leuchten,<br \/>\nKraftendes Weben,<br \/>\nLeuchtendes Kraften:<br \/>\nDas ist der Mensch.<\/p>\n<p>Bis hier habe ich eine skizzenhafte \u00dcbersicht meines Verh\u00e4ltnisses zu Leonardos Letztem Abendmahl, vor allem vor dem Jahr 2012, gegeben. Seit Anfang 2012 haben sich meine Lebensumst\u00e4nde drastisch ver\u00e4ndert. Beim Schreiben dieses Artikels zeigt sich, dass ich hier einen Abschluss machen muss.<\/p>\n<p>In den Jahren danach ist mein Verh\u00e4ltnis zu diesem Bild noch in eine Beziehung zum anthroposophischen Grundstein-Geschehen getreten, das ich damals erst kennenlernte, zu den Kategorien, auf die Mieke aufmerksam machte, zu den Tierkreiszeichen und ihrem Zusammenhang mit dem menschlichen Leib und den Denkrichtungen, und auch zur Eurythmie, die auf bestimmte Weise in mein Leben trat.<br \/>\nUnd wie zu Beginn bereits erw\u00e4hnt, hat gerade das Verharren bei alledem, um diesen Artikel zu schreiben, meinem Verh\u00e4ltnis zu Leonardos Letztem Abendmahl ebenfalls noch eine Wendung gegeben.<\/p>\n<p>Es ist mir beim Schreiben auch deutlich geworden, dass die Frage des Freundeskreises eine ganz nat\u00fcrliche Frage ist, um anl\u00e4sslich dessen, in einem umfassenden Versuch, bei all diesem zu verharren&#8230;<\/p>\n<p>Das Schreiben dieses Artikels war sicher nicht selbstverst\u00e4ndlich, und es ist letztlich geworden, was es geworden ist; aber all jene, die einmal erw\u00e4hnten, und sei es auch nur mit einem Wort, dass sie sich auf die eine oder andere Weise von dem, was ich einmal sagte, angesprochen f\u00fchlten, sind mir beim Schreiben eine gro\u00dfe St\u00fctze gewesen&#8230;<\/p>\n<p><em>Anmerkungen<br \/>\n<\/em>1] Goethes geheime Offenbarung; Berlin, 22. Oktober 1908 exoterisch; 24. Oktober 1908 esoterisch.<br \/>\n2] <a href=\"http:\/\/www.tongerlo.org.\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">www.tongerlo.org. <\/a><br \/>\n3] Das Vaterunser; Berlin, 28. Januar 1907.<\/p>\n<p><em>F\u00fcr Veerle, meine Partnerin; f\u00fcr Gerda, meine Frau, die vor vier Jahren im Winter von uns ging; f\u00fcr Anna, meine Mutter; und f\u00fcr Jozef van den Bergh, dem ich 2010 in Neerijnen begegnete.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen Tag nach Nikolaus 2015 erhielt ich vom Freundeskreis die Frage, ob ich f\u00fcr den folgenden Rundbrief nicht einen Artikel \u00fcber \u201eDas letzte Abendmahl\u201c von Leonardo da Vinci schreiben wollen w\u00fcrde, weil ich, wie mir gesagt wurde, \u201eeine Affinit\u00e4t dazu habe\u201c. Und, ja, ziemlich viele Menschen wissen, dass da in gewissem Sinne etwas dran ist. 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