{"id":3641,"date":"2015-08-30T00:00:00","date_gmt":"2015-08-29T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/das-tor-zur-geistigen-welt\/"},"modified":"2025-06-22T16:44:30","modified_gmt":"2025-06-22T14:44:30","slug":"das-tor-zur-geistigen-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/de\/das-tor-zur-geistigen-welt\/","title":{"rendered":"Das Tor zur geistigen Welt"},"content":{"rendered":"<p>Im Fr\u00fchjahr 2010 erschien von Mieke Mosmuller das Buch <em>Das Tor zur geistigen Welt. Seine Riegel und Scharniere.<\/em>[1] Der Text auf dem Buchr\u00fccken fasst konzentriert zusammen, was das Buch beabsichtigt, und sei darum hier im Ganzen zitiert:<\/p>\n<p><em>,In diesem Buch versucht die Autorin durch eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Standpunkten in Bezug auf die Frage der Beobachtung des Denkens, zu zeigen, dass das Tor zur geistigen Welt ge\u00f6ffnet werden kann. Der Schl\u00fcssel zu diesem Tor ist der Ausnahmezustand, in den der strebende Mensch sich versetzt, wenn er versucht, das Denken zu beobachten, w\u00e4hrend er denkt. Durch das Betreten dieses Zustandes, der dadurch eine \u201eAusnahme\u201c ist, dass er nur in Freiheit eingenommen werden kann, verwandelt sich das seelische Denken in ein geistiges Denken. Lernt der Denker, mit seinem geistigen Denken wie mit einem Auge um sich herum zu schauen, so schaut es die rein geistige Welt. <\/em><\/p>\n<p><em>Neben eigenen Erfahrungen mit den Beobachtungen des Denkens enth\u00e4lt das Buch kritische Betrachtungen zu \u201eBeobachtungen des Denkens bei Rudolf Steiner\u201d von Michael Muschalle und zu \u201eIntuition und Ich-Erfahrung\u201c von Renatus Ziegler.\u2019 <\/em><\/p>\n<p>Das Buch rief verschiedene Reaktionen auf. So ver\u00f6ffentlichte Steffen Hartmann im November 2010 eine kritische Besprechung in der Zeitschrift <em>Die Drei <\/em>(,Das Tor zur geistigen Welt. Versuch eines Dialoges\u2019),[2] auf die dann wiederum Holger Niederhausen auf seiner Website www.holger-niederhausen.de kritisch erwiderte (,Versuch eines Dialoges?\u2019).[3] In einer Fu\u00dfnote zu seinem Aufsatz ,Zum Entschl\u00fcpfen des Denkwesens. \u00dcber den Umgang mit Steiners Zus\u00e4tzen von 1918 zur <em>Philosophie der Freiheit<\/em>\u2019 (M\u00e4rz 2011) reagierte auch Michael Muschalle, der unter anderem Hartmann f\u00fcr dessen Rezension in <em>Die Drei <\/em>lobte.[4] Diese sechs PDF-Seiten umfassende Fu\u00dfnote von Muschalle war f\u00fcr mich der Anlass, August 2011 einen eigenen Text zu schreiben, und das ist der nun hier vorliegende Text.<\/p>\n<p>In der Kontroverse zwischen Muschalle und Mosmuller geht es zusammengefasst um drei Dinge. Das Erste ist, dass Muschalle unter Beobachtung (wie in Rudolf Steiners Worten ,Beobachtung des Denkens\u2019 in <em>Die Philosophie der Freiheit<\/em>) das Folgende versteht: dass eine Erfahrung, Wahrnehmung etc. nach dieser Erfahrung, Wahrnehmung etc. in eine Begriffsform gebracht wird. Dann erst kann, nach Muschalle, wirklich die Rede von <em>Erkenntnis <\/em>sein, Erkenntnis, die von jeder Wahrnehmung, Erfahrung etc. zu unterscheiden ist. Dieses Verh\u00e4ltnis \u2013 und das ist der zweite Punkt \u2013 gilt nach Muschalle <em>immer<\/em>, auch <em>immer wo <\/em>es Erkenntnis von Geistigem oder des Denkens betrifft. Muschalle:<\/p>\n<p><em>,Von Beobachtungen des Geistigen l\u00e4sst sich \u2013 ebenso wie beim Denken \u2013 also nur sprechen, wenn die entsprechenden Erfahrungen auch in eine den Tatsachen entsprechende Begriffsform gebracht sind. Das heisst: Wenn sie begriffen bzw. erkannt sind.\u2019[5] <\/em><\/p>\n<p>Hieraus folgt der dritte Punkt, n\u00e4mlich, dass nach Muschalle eine ,Beobachtung des Denkens\u2019 im Sinne eines gleichzeitigen Denkens und (denkend) Wahrnehmens dieses Denkens ausgeschlossen ist. Mieke Mosmuller nun meint erstens, dass Muschalle den Begriff , Beobachtung\u2019 (wie in Rudolf Steiners Worten ,Beobachtung des Denkens\u2019 in <em>Die Philosophie der Freiheit<\/em>) falsch auffasst. Nach ihr bedeutet ,Beobachtung\u2019 vielmehr einen gerichteten Wahrnehmungsprozess, wobei (anders als bei einer gedankenlosen ,reinen Erfahrung\u2019) denkende Aufmerksamkeit eine Rolle spielt. Mosmuller:<\/p>\n<p><a title=\"Das Tor zur geistigen Welt. Seine Riegel und Scharniere\" href=\"https:\/\/www.occident.nl\/de\/bucher\/geisteswissenschaft\/das-tor-zur-geistigen-welt-seine-riegel-und-scharniere-9783000309342\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" style=\"display: block; margin-left: auto; margin-right: auto;\" src=\"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/9783000309342.jpg\" alt=\"9783000309342\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>,Will ich [\u2026] beobachten, dann schicke ich mich dazu an, mehr als nur Erfahrung zu erlangen: Ich will auch etwas wissen, erkennen. Beobachten ist ein Richten der Aufmerksamkeit, der denkenden Aufmerksamkeit.\u2019[6] <\/em><\/p>\n<p>Halten wir vorl\u00e4ufig fest an der harten Unterscheidung zwischen Wahrnehmung, Erfahrung etc. einerseits und Erkenntnis dessen durch Begriffsbildung andererseits, dann w\u00fcrde ,Beobachtung\u2019 also noch auf der Wahrnehmungsseite stehen und nicht auf der Erkenntnisseite. (Ob dieses Verh\u00e4ltnis <em>immer so <\/em>gilt, ist dann noch die Frage, aber auf diese Frage kommen wir gleich zur\u00fcck.) Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Passage im Werk von Carl Unger, dessen erkenntnistheoretische Arbeit von Steiner in h\u00f6chstem Ma\u00dfe gesch\u00e4tzt wurde. In <em>Aus der Sprache der Bewusstseinsseele (<\/em>das, zugegeben, erst Ende der zwanziger Jahre, also nach Steiners Tod, geschrieben wurde) finden wir folgende Zeilen:<\/p>\n<p><em>,,Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg\u201c, das kann ein Merkwort sein, das den Leits\u00e4tzen vorangestellt worden ist und bis zum letzten wirksam ist. Wenn dieses Wort bei der Arbeit [mit den Leits\u00e4tzen, ms] mitschwingt, dann ist <strong>schon <\/strong><\/em>etwas geschehen, was innere Entschlusskraft besitzt; denn Erkenntnisweg bedeutet innere Wandlung. Jede Erkenntnis wandelt den Erkennenden. Im Grunde ist es so schon bei jeder <strong><em>Wahrnehmung<\/em><\/strong>, <strong><em>Erfahrung<\/em><\/strong>, <strong><em>Beobachtung<\/em><\/strong>, denn sie f\u00fcgen sich unserem Wesen ein, es ist um sie bereichert. <strong><em>Aber <\/em><\/strong>jede <strong><em>Erkenntnis <\/em><\/strong>bedeutet eine bewusste Bereicherung.\u2019[7]<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Unger macht hier denselben Unterschied wie Muschalle, nur steht ,Beobachtung\u2019 woanders, n\u00e4mlich auf der Wahrnehmungs- und Erfahrungsseite.<br \/>\nWoher kommt der Unterschied? Aus dem fr\u00fchen erkenntnistheoretischen Werk Rudolf Steiners, wo er an verschiedenen Stellen sagt, dass die Wirklichkeit durch das menschliche Bewusstsein erkannt wird, wenn eine Wahrnehmung (Erfahrung etc.) mit dem zu dieser Wahrnehmung geh\u00f6renden Begriff verbunden wird. Im oben genannten Aufsatz in <em>Die Drei <\/em>zitiert Steffen Hartmann Steiner aus einer Fu\u00dfnote von dessen <em>Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung.<\/em>Muschalle stimmt dem zu und betont dies in <em>seiner <\/em>Fu\u00dfnote. Rudolf Steiner, zitiert von Hartmann:<\/p>\n<p><em>,Damit ist die Frage: \u201eWas ist Erkennen?\u201c dem Prinzipe nach beantwortet. Diese Antwort wird keine andere dadurch, dass die Frage ausgedehnt wird auf die Anschauung des Geistigen. Deshalb gilt, was in dieser Schrift \u00fcber das Wesen der Erkenntnis gesagt wird, auch f\u00fcr das Erkennen der geistigen Welten, auf das sich meine sp\u00e4tere Schriften beziehen \u2026 Die Trennung von Wahrnehmung und Gedanke hat f\u00fcr die objektive Welt gar keine Bedeutung; sie tritt nur auf, weil der Mensch sich mitten in das Dasein hineinstellt. F\u00fcr ihn entsteht dadurch der Schein, als ob Gedanke und Sinneswahrnehmung eine Zweiheit seien. Nicht anders ist es f\u00fcr die geistige Anschauung. Wenn diese durch die Seelenvorg\u00e4nge auftritt, die ich in meiner sp\u00e4teren Schrift Wie erlangt man Erkenntnisse der h\u00f6heren Welten? beschrieben habe, dann bildet sie wieder die eine Seite des \u2013 geistigen \u2013 Seins; und die entsprechenden Gedanken vom Geistigen bilden die andere Seite.\u2019[8] <\/em><\/p>\n<p><a title=\"Das Tor zur geistigen Welt. Seine Riegel und Scharniere\" href=\"https:\/\/www.occident.nl\/de\/bucher\/geisteswissenschaft\/das-tor-zur-geistigen-welt-seine-riegel-und-scharniere-9783000309342\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em><img decoding=\"async\" style=\"display: block; margin-left: auto; margin-right: auto;\" src=\"https:\/\/www.vrienden-miekemosmuller.nl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Tor.jpg\" alt=\"Tor\" width=\"400\" \/><\/em><\/a><\/p>\n<p>Wie Holger Niederhausen anmerkt, spricht Steiner hier \u00fcber den Weg, der in <em>Wie erlangt man\u2026<\/em>? beschrieben ist.[9] Daneben gibt es jedoch auch den Weg der <em>Philosophie der Freiheit <\/em>und der <em>Grundlinien <\/em>selbst, von dem Steiner in <em>Die Geheimwissenschaft im Umriss <\/em>sagt, dass dieser ,sicherer, und vor allem genauer, daf\u00fcr aber auch f\u00fcr viele Menschen schwieriger ist.\u2019[10] Mieke Mosmuller f\u00fchrt in <em>Arabeske<\/em>,[11] aber nota bene auch in dem von Hartmann besprochenen Werk <em>Das Tor zur geistigen Welt<\/em>[12] aus, dass dieser erkenntnistheoretische Weg mit der <em>Intuition <\/em>beginnt, worin Wahrnehmung und Begriff eindeutig und direkt und in <em>einem <\/em>Akt gegeben sind.<br \/>\nIn der Intuition ist der Begriff die Wahrnehmung, die Wahrnehmung der Begriff \u2013 und dies wird simultan sowohl ,gesehen\u2019 als auch begriffen, weil ,Sehen\u2019 hier Begreifen und Begreifen ,Sehen\u2019 ist. Es braucht nicht (nachtr\u00e4glich) eine Verbindung zwischen Wahrnehmung und Begriff <em>gezogen <\/em>zu werden, weil die Trennung zwischen Wahrnehmung und Begriff in Wirklichkeit nicht <em>existiert <\/em>(sie existiert nur f\u00fcr das menschliche Bewusstsein au\u00dferhalb der Intuition) und man in der Intuition bewusst in der vollen Wirklichkeit lebt, man die volle Wirklichkeit bewusst in sich erlebt.<br \/>\nDies ist es, was Mieke Mosmuller in <em>Das Tor zur geistigen Welt <\/em>wieder und wieder, von allen m\u00f6glichen Aspekten aus, deutlich zu machen versucht. Und mehr als das: Sie ist, soweit ich es beurteilen kann, neben Steiner eine der wenigen Autoren, die ihre Leser dazu f\u00fchrt, dies selbst zu erleben.<br \/>\nEs ist frappant, dass Muschalle Folgendes schreibt:<\/p>\n<p><em>,So weit ich es bislang \u00fcbersehe ist Steffen Hartmann der einzige Autor und Rezensent, der in der Diskussion um Mieke Mosmuller ganz explizit und per ausf\u00fchrlichen Quellennachweis auf den entschiedenen Punkt, n\u00e4mlich darauf hingewiesen hat, dass ein Unterschied zu machen ist zwischen geistiger Erfahrung und geistiger Erkenntnis. Und dass, um diesen Unterschied begreiflich zu machen, auf Steiners Idee des Erkennens zur\u00fcckzugreifen ist, wie dieser sie in seinen Fr\u00fchschriften vorgelegt hat.\u2019[13] <\/em><\/p>\n<p>Es kommt jedoch nicht darauf an, auf Steiners ,Idee des Erkennens\u2019 <em>zur\u00fcckzugreifen <\/em>(um diese Idee zur Kenntnis zu nehmen und dann bei passender oder unpassender Gelegenheit wiederzugeben), es kommt, wie Steiner in einer seiner Fr\u00fchschriften schrieb, darauf an, diese Idee zu <em>realisieren<\/em>. Dies tut man, indem man auf dem einzigen Gebiet, wo Erfahrung und Idee anf\u00e4nglich sehr wohl getrennt sind, n\u00e4mlich dem menschlichen Bewusstsein selbst, das also anfangs in gewissem Sinne ein <em>Schein<\/em>bewusstsein ist, die zur Erfahrung geh\u00f6rende Idee erfasst und sodann die volle Wirklichkeit zustande bringt. Das ist m\u00f6glich, und zwar anhand von Rudolf Steiners Fr\u00fchschriften, zumindest, wenn man sie nicht als <em>Lehr<\/em>b\u00fccher, sondern als <em>Tat<\/em>&#8211; oder <em>\u00dcbungs<\/em>b\u00fccher auffasst.<\/p>\n<p>Das kr\u00e4ftige innerliche Pr\u00fcfen (was man nicht tun <em>braucht, <\/em>es ist eine Sache der Freiheit) von Steiners Ausf\u00fchrungen in <em>Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung<\/em>, <em>Goethes Weltanschauung, Wahrheit und Wissenschaft <\/em>und <em>Die Philosophie der Freiheit<\/em>f\u00fchrt fr\u00fcher oder sp\u00e4ter dazu, dass der Denker (denn denken tut man, wenn man diese B\u00fccher so liest) <em>sich selbst als Denker und Wahrnehmer denkend wahrnimmt und wahrnehmend denkt. <\/em>Hier, wo das Ich gleichzeitig sowohl Subjekt als auch Objekt und sowohl Wahrnehmung als auch Begriff ist, wird der Erkenntnisprozess v\u00f6llig durchschaut und metamorphosiert sich Philosophie zu Anthroposophie.<br \/>\nRudolf Steiner, in einer Passage, die Muschalle zu denken (!) geben m\u00fcsste:<\/p>\n<p>,<em>Alle anderen Gedanken sind zun\u00e4chst nicht Bilder einer vollen Wirklichkeit. Doch <strong>indem <\/strong><\/em>man im reinen Denken das wahre Ich als <strong>Erlebnis erf\u00e4hrt, lernt man kennen<\/strong>,<em>was volle Wirklichkeit ist. Und man kann von diesem Erlebnis weiter vordringen zu anderen Gebieten der wahren Wirklichkeit. Dies versucht die Anthroposophie.\u2019[14] <\/em><\/p>\n<p>Im Grunde steht dasselbe bereits in <em>Wahrheit und Wissenschaft, <\/em>auch wenn dort noch nicht (w\u00f6rtlich) von Anthroposophie die Rede ist:<\/p>\n<p><em>,Der Umstand, da\u00df das Ich durch Freiheit sich in T\u00e4tigkeit versetzen kann, macht es ihm m\u00f6glich, aus sich heraus durch Selbstbestimmung die Kategorie des Erkennens zu realisieren, w\u00e4hrend in der \u00fcbrigen Welt die Kategorien sich durch objektive Notwendigkeit mit dem ihnen korrespondierenden Gegebenen verkn\u00fcpft erweisen.\u2019[15] <\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr Leser, die diesen Schritt lesend in <em>Die Philosophie der Freiheit <\/em>zu ihrer gro\u00dfen \u00dcberraschung gesetzt haben (die \u00dcberraschung ist so gro\u00df, weil keine Vorstellung an die wirkliche Erfahrung heranreicht, auch wenn eine vorstellende Beschreibung nachtr\u00e4glich sehr wohl wiederzuerkennen ist) \u2013 f\u00fcr solche Leser ist es sonnenklar, dass <em>Die Philosophie der Freiheit <\/em>im tiefsten Sinne des Wortes ein p\u00e4dagogisches Buch ist. Man hat die ,Spaltung\u2019 in zwei ,Pers\u00f6nlichkeiten\u2019 erlebt, auch wenn sich zeigt, dass es nicht ganz richtig ist, von zwei ,Pers\u00f6nlichkeiten\u2019 zu sprechen, weil das ,Ich\u2019, das wir f\u00fcr gew\u00f6hnlich die Pers\u00f6nlichkeit nennen, sich mit seiner Biografie und seinen Schicksalsereignissen zumindest teilweise als ein ,Abgeordneter\u2019 eines ,h\u00f6heren Ichs\u2019 erkennen l\u00e4sst. (Hier entsteht eine kr\u00e4ftige Ahnung von Karma und Reinkarnation).<br \/>\nDie Passage im dritten Kapitel von <em>Die Philosophie der Freiheit<\/em>, in dem diese Spaltung als ,unm\u00f6glich\u2019 vorgestellt wird&#8230;:<\/p>\n<p><em>,Ich kann mein gegenw\u00e4rtiges Denken nie beobachten; sondern nur die Erfahrungen, die ich \u00fcber meinen Denkproze\u00df gemacht habe, kann ich nachher zum Objekt des Denkens machen. Ich m\u00fc\u00dfte mich in zwei Pers\u00f6nlichkeiten spalten: in eine, die denkt, und in die andere, welche sich bei diesem Denken selbst zusieht, wenn ich mein gegenw\u00e4rtiges Denken beobachten wollte. Das kann ich nicht. Ich kann das nur in zwei getrennten Akten ausf\u00fchren. Das Denken, das beobachtet werden soll, ist nie das dabei in T\u00e4tigkeit befindliche, sondern ein anderes.\u2019[16] <\/em>&#8230;dient dazu, diese Unm\u00f6glichkeit aufzuheben. Doch kann man Steiner sozusagen auch hier beim Wort nehmen, wenn man ber\u00fccksichtigt, dass wie gesagt bei der Spaltung das eine ,Ich\u2019 mehr ist als die Pers\u00f6nlichkeit im gew\u00f6hnlichen Sinne des Wortes. Zwei S\u00e4tze, die in demselben Buch einige Abs\u00e4tze vor der soeben zitierten Passage stehen&#8230;:<\/p>\n<p><em>,Die erste Beobachtung, die wir \u00fcber das Denken machen, ist also die, da\u00df es das unbeobachtete Element unseres <strong>gew\u00f6hnlichen <\/strong><\/em>Geistesleben ist. Der Grund, warum wir das Denken im <strong><em>allt\u00e4glichen <\/em><\/strong>Geistesleben nicht beobachten, ist kein anderer als der, da\u00df es auf unserer eigenen T\u00e4tigkeit beruht.\u2019[17]<\/p>\n<p>&#8230;appellieren an das in der Pers\u00f6nlichkeit schlummernde Verm\u00f6gen, sich zu einem h\u00f6heren Geistesleben als das ,gew\u00f6hnliche\u2019, ,allt\u00e4gliche\u2019 bereit zu machen. Sicher, zun\u00e4chst, im Kontext des dritten Kapitels, h\u00f6rt man bei dem Aufruf, die ,Erfahrungen, die ich \u00fcber meinen Denkproze\u00df gemacht habe, nachher zum Objekt des Denkens zu machen\u2019, etwas, was man ,normal gesprochen\u2019 im ,<em>G<\/em>eistesleben des Alltags\u2019 ebenso wenig tut. Das Befolgen des Aufrufs, das innerliche Pr\u00fcfen der angedeuteten Unm\u00f6glichkeit und das Verfolgen des Gedankenganges von <em>Die Philosophie der Freiheit <\/em>als ganzer lassen diese Worte dennoch viel weiter reichen.<br \/>\nWarum, so kann die Frage lauten, f\u00fchrte Steiner dies dann in dem Buch nicht aus? Ein m\u00f6glicher Grund ist, dass er seinen Lesern nicht im Weg stehen wollte, es sie ganz selbst vollziehen und einsehen lassen wollte, ohne sie mit der Erfahrung vorausgehenden Vorstellungen abzulenken, die eine Begierde nach dem Okkulten wecken k\u00f6nnten oder vielleicht mit der wirklichen Erfahrung verwechselt werden w\u00fcrden. In seinen sp\u00e4teren Schriften beschreibt er die ,Spaltung\u2019 oder die ,Verdopplung\u2019 jedoch sehr wohl, zum Beispiel in <em>Die Schwelle der geistigen Welt<\/em>[18] und <em>Die Geheimwissenschaft im Umriss<\/em>[19] oder, philosophischer, in dem Aufsatz ,Philosophie und Anthroposophie\u2019.[20] Tatsache ist, dass er mit <em>Die Philosophie der Freiheit <\/em>ein rein erkenntnistheoretisches Fundament f\u00fcr seine sp\u00e4tere Geisteswissenschaft und auch f\u00fcr das (von ihm wahrscheinlich innig ersehnte) geisteswissenschaftliche Schauen seiner Leser legte. Auch wer anfangs ,nichts\u2019 mit ,Christus\u2019, einer ,geistigen Welt\u2019 usw. zu tun zu haben wollen meint, kann, wenn Fragen nach individueller Freiheit, Moralit\u00e4t und dem menschlichen Erkennen brennende Fragen f\u00fcr ihn sind, dieses Buch, das sich ganz und gar in einem ,gew\u00f6hnlichen\u2019 philosophisch-wissenschaftlichen Idiom bewegt, zur Hand nehmen. Von selbst <em>zeigt <\/em>sich dann, aus <em>eigener <\/em>Einsicht, dass ein Tor zu einer geistigen Welt existiert, ein Tor, das ge\u00f6ffnet wird, wenn man denkend das Denken in der Aktualit\u00e4t wahrnimmt, beobachtet, anschaut.<\/p>\n<p>Nun ist das Wunderbare, dass Mieke Mosmullers erstes Buch ,<em>Suche das Licht, das im Abendland aufgeht <\/em>(1994), <em>exakt <\/em>zu demselben Punkt f\u00fchren kann.[21] Michael Muschalle mag dies alles f\u00fcr unm\u00f6glich halten, wenn er Mosmuller vorwirft, ,serienweise esoterischen und sonstigen Unfug\u2019[22] zu produzieren, ,Unfug\u2019, <em>no less<\/em>, der auf ein ,naives und unwissendes Publikum aus dem anthroposophischen Umfeld\u2019[23] trifft, sodass ,gl\u00e4ubige Leser\u2019 mit ,Blindheit\u2019 [24] geschlagen werden, irrt er sich in gr\u00f6bster Weise. (Zumindest wenn es ein Irrtum <em>ist<\/em>, wovon wir zun\u00e4chst ausgehen.) Muschalle:<\/p>\n<p><em>,Der Leser sollte jedenfalls bei dieser Lage der Dinge nicht erwarten, dass der Mosmullerschen Behauptung \u00fcber die Beobachtung des aktuellen Denkens irgendetwas Sinnhaltiges zugrunde liegt.\u2019[25] <\/em><\/p>\n<p>Das sollte der Leser tats\u00e4chlich nicht; er sollte es innerlich in aller Unbefangenheit pr\u00fcfen.<\/p>\n<p>[1] M. Mosmuller, Das Tor zur geistigen Welt. Seine Riegel und Scharniere (Baarle Nassau 2010).<br \/>\n[2] S. Hartmann, \u2018Das Tor zur geistigen Welt. Versuch eines Dialoges\u2019, Die Drei, 11\/2010, 61-64. Auch: www.diedrei.org\/2010\/ heft11_2010\/Hartmann-Mosmuller.pdf.<br \/>\n[3] H. Niederhausen, \u2018Versuch eines Dialogs?\u2019: http:\/\/www.holger-niederhausen.de\/index.php?id=635.<br \/>\n[4] M. Muschalle, \u2018Zum Entschl\u00fcpfen des Denkwesens. \u00dcber den Umgang mit Steiners Zus\u00e4tzen von 1918 zur Philosophie der Freiheit\u2019: http:\/\/www.studienzuranthroposophie.de\/KOMKOM.pdf, 38 Seiten, Fu\u00dfnote: 33-38.<br \/>\n[5] Muschalle, \u2018Zum Entschl\u00fcpfen des Denkwesens\u2019, 38.<br \/>\n[6] Mosmuller, Das Tor zur geistigen Welt, 120.<br \/>\n[7] C. Unger, Aus der Sprache der Bewusstseinsseele (Basel 1954), 16. Fett von mir.<br \/>\n[8] Zitiert in: Hartmann, \u2018Das Tor zur geistigen Welt\u2019, a.a.O., 62. Siehe auch: R. Steiner, Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (GA 2), Tb 629, 138. Auslassungspunkte von Hartmann.<br \/>\n[9] http:\/\/www.holger-niederhausen.de\/index.php?id=635.<br \/>\n[10] R. Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss (GA 13), 343-344.<br \/>\n[11] M. Mosmuller, Arabeske. Das Integral Ken Wilbers (Baarle Nassau 2009), 186 ff.<br \/>\n[12] Mosmuller, Das Tor zur geistigen Welt, 135, 243.<br \/>\n[13] Muschalle, \u2018Zum Entschl\u00fcpfen des Denkwesens\u2019, 33. Kursiv von Muschalle.<br \/>\n[14] R. Steiner, \u2018Philosophie und Anthroposophie\u2019, in: idem, Philosophie und Anthroposophie (GA 35), 66-111, hier 104. Fett von mir.<br \/>\n[15] R. Steiner, Wahrheit und Wissenschaft. Vorspiel einer Philosophie der Freiheit (GA 3), Tb 628, 83.<br \/>\n[16] R. Steiner, Die Philosophie der Freiheit. Grundz\u00fcge einer modernen Weltanschauung (GA 4), 43.<br \/>\n[17] Ibid., 42. Fett von mir.<br \/>\n[18] R. Steiner, Die Schwelle der geistigen Welt (GA 17), Tb 602, 110-111.<br \/>\n[19] Steiner, Geheimwissenschaft, 324 ff.<br \/>\n[20] Steiner, \u2018Philosophie und Anthroposophie\u2019, 101-104.<br \/>\n[21] M. Mosmuller-Crull, Suche das Licht, das im Abendland aufgeht (Den Haag 1994).<br \/>\n[22] Muschalle, \u2018Zum Entschl\u00fcpfen des Denkwesens\u2019, 33.<br \/>\n[23] Ibid.<br \/>\n[24] Ibid., 37.<br \/>\n[25] Ibid.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Fr\u00fchjahr 2010 erschien von Mieke Mosmuller das Buch Das Tor zur geistigen Welt. 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